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Vom Rumkurven und Finden.

Vom Rumkurven und Finden.

Das Café am Rande der Welt, John Strelecky

„Lies das Buch“, sagt eine Freundin zu mir, während wir auf der Terrasse in der Sonne sitzen und darüber reden, dass wir beide vor Kurzem unsere völlig unterschiedlichen Jobs geschmissen haben, um wieder glücklich zu sein. „Klar“, sage ich, und kurz darauf halte ich ein dünnes Büchlein in den Händen, das so gar nicht danach aussieht, als könne es mir den Sinn des Lebens erklären, geschweige denn dafür sorgen, dass sich mein aktueller Gefühlsstatus von „weniger unglücklich“ in „glücklich“ ändert.

Aber hey, es ist ein Buch. Und Bücher können Leben verändern. Also lese ich es. So ungefähr fünf Monate nach dem Tag auf der Terrasse. Die Handlung ist fiktiv, die Analogie fast schmerzhaft simpel:

DAS CAFÉ AM RANDE DER WELT von John Strelecky ist der Klassiker für alle, die unterwegs sind, aber ihr Ziel längst aus den Augen verloren (und das ganze Umherirren auch langsam irgendwie satt) haben.

Und so beginnt die Geschichte auch erst einmal damit, dass der Erzähler, ein krass gestresster Manager, sich in der Pampa verfährt und letztendlich in einem kleinen Café strandet, um mit Hilfe einer Menükarte und dem überambitionierten Cafépersonal die großen Fragen seines eigenen Daseins zu beantworten. 

Das ist alles so banal, denke ich beim Lesen der ersten Seiten, als der Erzähler erst mal enervierend lange durch die Gegend kurvt. Aber schließlich bin ich der Idiot, der sich in seinem eigenen Leben verfranzt hat, deshalb lasse ich mich weiter auf die banalste aller Analogien ein (verfahrene Situation = automobiles Rumkurven) und lese weiter. Als der Erzähler endlich zufällig das Café findet, bin ich irgendwie erleichtert für uns beide.

Und dann wird es ein bisschen interessant, denn in der Menükarte des Erzählers tauchen drei große Fragen auf.

Hier möchte ich eigentlich nur eine erwähnen: „Warum bist du hier?“ (Schade, dass man den Originaltitel des Buches, The Why Are You Here Café,nicht übernommen hat! Warum nicht?) Im Grunde genommen geht es darum herauszufinden, ja, warum man eigentlich hier ist. Also hier, auf der Erde, am Leben. Welcher ist der Zweck deiner eigenen Existenz? Die Antwort auf die Frage, sofern man es mit der Beantwortung wirklich, wirklich ernst meint, wird zum Teil des eigenen Daseins werden und alles verändern. So steht es jedenfalls in Streleckys Büchlein:

„Sobald Sie sich die Frage stellen, wird die Suche nach einer Antwort zu einem Teil Ihres Daseins werden. Sie werden morgens mit dieser Frage aufwachen, und Sie wird Ihnen während des Tages immer wieder durch den Kopf gehen. Und obwohl Sie sich vielleicht nicht daran erinnern können, werden Sie auch im Schlaf darüber nachdenken. Die Frage ist wie ein Tor. Wer es einmal aufstößt, wird immer wieder davon angezogen. Und wenn es einmal offen ist, lässt es sich nur schwer wieder schließen.“

Bei mir persönlich öffnete sich kein Tor, sondern ein gedanklicher Abgrund. Warum war ich eigentlich hier? Da saß ich nun als Werbetexter und bekam Panik, weil ich den Zweck meiner eigenen Existenz nicht formulieren konnte. Ich wusste zwar, dass ich immer gerne geschrieben hatte. Aber ich war an dem Punkt, an dem mich gerade das Schreiben derart ankotzte, dass ich am liebsten nie wieder schreiben würde. Als mir klar wurde, dass mich das Schreiben ankotzte, bekam ich erst recht Panik. Schließlich konnte ich gar nichts anderes als schreiben, und Schreiben bezahlte meine Rechnungen. 

Näher betrachtet war es nicht das Schreiben alleine, was mich so fertigmachte. Es war eher das, was ich schrieb.

Mir war quasi das Schlimmste passiert, was einem kreativen Menschen passieren konnte: Ich hatte die totale finanzielle Sicherheit mit etwas erreicht, das ich regelrecht verabscheute. Ich schrieb Texte für Produkte, die ich sinnlos fand. Ich nickte Korrekturen von Kunden ab, die ich für unfähig hielt. Ich rechtfertigte vor meinen Mitarbeitern Entscheidungen, die falsch waren. Und dann fuhr ich abends heulend im Sportwagen nach Hause.

Ich strampelte mich ab und hasste es. Die Tage, an denen es sich wirklich gut angefühlt hatte, konnte ich an einer Hand abzählen. Ich hatte immer nur daran gedacht weiterzukommen aber nie daran, was ich eigentlich tun wollte, wenn ich ankam. Und wo war ich überhaupt angekommen? Hatte ich echt da hingewollt?

Wenn ich das Büchlein früher gelesen hätte, hätte spätestens die Geschichte mit dem Fischer mir in diesem Sinne zu denken gegeben.

Fakt war: Ich hatte mich quasi vor lauter Gasgeben ausgebremst. Mein Kofferraum war voll mit Ängsten, gleichzeitig erdrückten mich die Sicherheiten. Für meine Visionen blieb nur noch das Handschuhfach, und selbst da musste ich kramen wie nach ein paar klebrigen Süßigkeiten. Fakt war: Ich musste mir was überlegen, und wenn das dann der Zweck meiner Existenzwar, auch gut. 

Also überlegte ich tagelang an etwas herum, das ich im Grunde längst kannte.

Ich wusste, was ich tun würde, wenn weder Geld noch Zeit eine Rolle spielten. Ich würde schreiben. Nur nicht so wie bisher. Ich würde über Dinge schreiben, die ich gut fand. Dinge, die Sinn machten. Für Menschen, die ich mochte. Ich wollte ein kreatives Leben mit meiner Familie und Schreiben führen. Das war auf der einen Seite ganz schön banal, weil ich ja bis jetzt auch ein Leben mit meiner Familie und Schreiben geführt hatte. Nur das Kreative war mit leider abhanden gekommen. Und für die Familie hatte ich kaum Zeit.

Ich könnte jetzt noch sicher ein paar Zeilen mehr verlieren über DAS CAFÉ AM RANDE DER WELT. Es sei noch erwähnt, dass das Buch eine Fortsetzung hat, die auch schon bei mir herumliegt und mit Sicherheit bald gelesen wird. Aber das Wichtigste für mich war eigentlich Folgendes (und so steht es auch im Büchlein): 

Jemand der seine Bestimmung, seinen ZDE gefunden hat, kann sofort damit beginnen, danach zu handeln. Und er wird es auch tun.

Ich selbst konnte gar nicht abwarten diesen Blog zu starten und reihenweise Bücher dafür zu bestellen, die ich wahrscheinlich in fünf Jahren noch nicht gelesen haben werde. Denn nichts gibt einem soviel Antrieb wie das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

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  1. […] Ich würde schreiben. Damals in der Agentur hatte ich erreicht, was ich immer wollte, um zu merken, dass es mich nirgendwo hinführte. Im Nachhinein habe ich ziemlich viel Zeit damit vertrödelt, viel Geld zu verdienen. Nach dem Lesen des Buchs habe ich diesen Blog hier gestartet. Hier geht es zum Artikel, den ich damals über DAS CAFÉ AM RANDE DER WELT geschrieben habe. […]

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