Sie hat Bock, Katja Lewina Buchblog

Ganz geil: SIE HAT BOCK.

Ich halte mich nicht für sonderlich verklemmt. Beim Mittagessen wird alleine deshalb schon viel über Pimmel geredet, weil der Großteil meiner Familie welche hat, und mal ganz ehrlich, was ist denn schon dabei. 

Nur, das Buch hier, das ist was für Erwachsene. Und ich weiß nicht, ob ich a) erwachsen genug bin, dass ich das alles so genau wissen möchte und b) morgens um sieben beim ersten Kaffee schon so viel unverblümten Sex in allen möglichen sprachlichen Stellungen haben will. Man ist es einfach nicht gewohnt, von einem Buch ohne Vorspiel so hart rangenommen zu werden. Und wenn dir diese Formulierung jetzt schon ein bisschen drüber erscheint, dann geb ich dir einen guten Rat unter uns Gebetsschwestern: Leg SIE HAT BOCK von Katja Lewina am besten wieder weg. 

Alle anderen kommen voll auf ihre Kosten und können bestimmt auch noch was lernen. Beispielsweise, dass die Mehrzahl von Klitoris Klitorides ist, was ich toll finde, weil es nach etwas klingt, das man in Griechenland besichtigen kann. Und ja, das Buch enthält viele feuchte Stellen, aber auch viel Witz und viele klare Gedanken zum Thema Frauen-Lust und Gesellschaft, aber ohne gleich ganz schlimm zu jammern.

Viel Witz und oft auf den G-Punkt.

Laut Katja Lewina ist SIE HAT BOCK „mehr eine Anleitung zur Potenz als Rumgeheule“, und das finde ich schon mal sacksympathisch, weil Potenz, das wird mir beim Lesen auf einmal klar, kurioserweise ein Ausdruck ist, der bislang als Beschreibung einer rein männlichen Superkraft genutzt wird. „Sie war eine potente Frau“ würde wohl kaum jemand mit einer unter sexuellen Gesichtspunkten attraktiven Zeitgenossin assoziieren, sondern höchstens mit einer extrem pflichtbewussten Sachbearbeiterin. Ein potenter Mann hingegen ist wohl eher ein Held mit stattlicher Ausstattung rein untenrum. 

Anhand ihrer eigenen Biographie beschreibt Katja Lewina, wie sexistisch, brutal oder linkisch wir alle seit Jahrhunderten um das Thema Sex & Frauen rumschleichen, und dass damit jetzt bitte mal Schluss ist. Punkt. Einige Kapitel im Buch sind so oder so ähnlich im Rahmen ihrer Kolumne „Untenrum“ in der Süddeutschen Zeitung erschienen – was ich so mutig und kreativ finde, dass ich am liebsten spontan die ganze Redaktion in den Arm nehmen möchte. Geht natürlich nicht, gerade im Moment.

Ganz schön scharf skizziert. 

Die Texte selbst bringen mich teilweise zum Lachen, dann wieder ans Überlegen und auch schon mal an den Rand des Erträglichen. Oft ist mir die ganze Schose sprachlich echt zu porno. An jenen Stellen stelle ich mir die Frage: Bin ich schon verklemmt, wenn das alles jetzt gerade wie gefühlskalter Mist rüberkommt? Das, was ich lese, klingt mir kapitelweise zu abgeklärt, zu sehr nach Gebrauchsanweisung zum Kopulieren, garniert mit der Hipster-Heimeligkeit vom Prenzlauer Berg. Zwischenzeitlich habe ich das Bedürfnis das Buch vor den Kindern zu verstecken. Ansonsten fallen mir beim Lesen ein paar ultraalberne Wortspiele ein (Im Freudenhaus herrschte ein ständiges Kommen und Gehen), und ein paarmal muss ich lauthals lachen. Wieso ich SIE HAT BOCK unterm Strich gerne gelesen habe? Weil ich noch nie ein Buch gelesen habe, das derart viele Erinnerungen in mir losgetreten hat. 

SIE HAT BOCK lesen ist wie einen Blick in ein fremdes Tagebuch werfen. Oder auch ins eigene.

Ich hab mich an so viele Situationen aus meiner Kindheit, Pubertät und Beziehungs-hinundher-Zeit in meinen Dreißigern erinnert, dass ich ein eigenes Buch damit hätte füllen können. Kuriose, komische und echt nicht coole Momente. Beim Satz der Autorin, dass es ohnehin da draußen keine einzige Frau gibt, die nicht schon mal sexualisierte Gewalt erlebt hat, habe ich eifrig genickt. Bei einigen lustigen Storys musste ich aber auch lächeln, weil mir ähnliche eingefallen sind. Sex und Komik liegen auch schon mal nah beieinander. Einige Ausführungen fand ich laut und trotzdem langweilig, aber das ist gar nicht schlimm, weil das Buch ansonsten Kunst ist. Denn:

Sprache gleichzeitig als Spiegel der Gesellschaft und Waffe gegen himmelschreiende Ungerechtigkeit einzusetzen, das ist schon ganz, ganz großes Kino. 

Und das ist es auch, was an dem Buch so gut ist: seine Vielfalt, Offenheit und Klarheit. SIE HAT BOCK ist ein Pamphlet für offen gelebte, selbstbestimmte weibliche Sexualität. Ebensowenig geschrieben wie Frauen geboren sind, um zu gefallen. Das muss man nicht mögen. Das sollte man feiern. Große Leseempfehlung. 

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