Dings oder Morgen zerfallen wir zu Staub, Roman Markus

Die Essenz eines Sommers.

Alles zerfließt. Die Zeit, Beziehungen, Träume, Gedanken, Worte und Körper. Nächte zerfließen zu Sonnenaufgängen, politische Systeme bestenfalls zu etwas Besserem und Trennungen zu Neuanfängen, irgendwann. Und so ist auch das Debüt des Wiener Autors Roman Markus ein Debüt des allgemeinen Zerfließens und der (Körper-)Flüssigkeiten: Bier, Kotze, Schweiß, Senf, Blut, Dosengulasch, Spülwasser, Donauwasser. Alles vermischt sich zu einer Symphonie eines denkwürdigen Sommers, und mittendrin der Dings, der in seinem Leben treibt wie die Fettaugen auf einer Suppe, nachdem seine Freundin sich aus dem gemeinsamen Leben nach Berlin verabschiedet hat, wo gerade einfach mehr geht und die Welt neu erfunden wird.   

Denn wir befinden uns in den Achtzigerjahren, kurz nach dem Mauerfall, als Walkmen noch was mit Kassetten zu tun hatten und man Teletext und nicht Instagram las.

Und genau dort beim Teletext arbeitet Dings als Journalist, wenn man soweit gehen will, aber eigentlich lohnt es sich nicht so richtig, darüber nachzudenken, ob Teletext-Schreiber echte Journalisten sind, denn Dings wird sowieso gefeuert, also sei es drum. 

Dings oder Morgen zerfallen wir zu Staub, Roman Markus
Kachel vorne im Bild: Kai Strecke & Konsorten, Bild hinter dem Buch: Halise Bayram.

Ein Typ ohne erwähnenswerten Namen, den ich mir schlacksig, in den Zwanzigern und mit blondem Bart vorstelle und der am Rande des Erträglichen, aber teils sehr witzig durch die Trümmer seines Spießerlebens watet. Die Kulisse ist Wien, die einzige Stadt, aus der ich nie wieder abreisen wollte, als ich sie vor Jahren mal besucht habe. Damals war ich Knall auf Fall schockverliebt in Wien, wo man im Café auf Sigmund Freuds Stammplatz Kaiserschmarrn essen und nichts ohne Bedeutung tun konnte, zumindest nicht, bis Dings in ihr aufgetaucht ist.  

Doch Dings kultiviert geradezu die Bedeutungslosigkeit seines Daseins zwischen Würstelstand und Kurzschlusshandlungen, während er einen Sommer lang auf ein abrissreifes Kino aufpassen soll, dessen beste Zeit wohl auch nicht wiederkommt.

„… wir liegen im Gras, irgendetwas verbindet uns, und solange wir nicht darüber nachdenken, wird sich auch nichts ändern, denn heute sind wir unendlich und morgen zerfallen wir zu Staub“

Seite 205

Dann und wann kommen interessante Gedanken im Protagonisten auf, manchmal ist es ganz geil, und manchmal kämpfe ich mich mit ihm zusammen durch die lauwarme Sommersoße meiner entzauberten Lieblingsstadt. Dazu kommen Worte, deren Bedeutung sich mir nur teilweise erschließt. Beisl, Oaschlochschnösl, Leiberl, Hundstrümmerl, Kieberer. Ich bin begeistert von so viel Wiener Wortklauberei, ich kann nichts dagegen tun, die Sprache rockt, ich liebe sie.  

Während Dings also von einer gemächlich kuriosen Situation in die nächste stolpert, ist oft sein engster (nicht sein bester) Freund JC an seiner Seite, ein überaktiver Typ zwischen Freigeist und Business-Schmiermichel, ein bisschen wie Falco, nur natürlich nicht so verdammt cool. Und dann ist da noch Jo, die Dings schon bei der ersten Begegnung wortwörtlich umhaut, und mit der sich die Flüssigkeiten und Gerüche im Buch noch wesentlich verstärken. Allen voran der Schweiß, als müsse dieser die Ereignisse des Sommers zusammenkleben. Der Spießer in mir will mehrfach laut Geht mal duschen rufen, damit er weniger unbehelligt von der Vorstellung schlechter Gerüche weiterlesen kann. Aber im Nachhinein macht das alles sowas von Sinn, wie es da steht, und mal ehrlich, in den Achtzigern waren wir nackt ja auch noch nackt und nicht nude und geruchlos. 

Und so klappe ich das Debüt zu und bin ein bisschen ergriffen von seiner Essenz.

Ich sag mal so: Manche Filme, die du in deinen Zwanzigern so fährst, machen erst Sinn, wenn sie als Wiederholung in deiner Erinnerung laufen. Und dann erinnert dich jedes Stückchen und jeder Tropfen daran, dass diese Momente in deinem Hirn bei allem Zerließen, Zerbersten, Vergessen und Durchzechen in erster Linie mal echt waren. 

Danke für dieses ausnehmend gut geschriebene, anstrengende, bockige und richtig coole Buch. 

Das Buch Dings oder Morgen zerfallen wir zu Staub
Der Autor Roman Markus
Der Verlag Droschl, M
Gebundene Ausgabe 12. Juni 2020, 232 Seiten
Wo du es lesen solltest An einer Würstelbude
Was du dazu tragen solltest Senf auf dem Shirt

1 Comment

  1. […] du gerne Romane mit Hauptfiguren in der Sinnkrise liest, dann ist DINGS ODER MORGEN ZERFALLEN WIR ZU STAUB bestimmt auch was für […]

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