Liebe & Botanik: ALBAS SOMMER.

Albas Sommer, Claudia Casanova

Vielleicht hätte ich das Buch im Sommer lesen sollen, als die Luft noch zeitgleich leicht und schwer war vor Sonne und Blumenduft und überall kleine Flugkörper herumschwirrten. Aber ich hab die Geschichte von Alba, die sich Ende des 19. Jahrhunderts zunächst in die Botanik und dann in einen Botaniker verliebt, erst im Herbst gelesen. Folglich kam mir auch diese Liebesgeschichte vor, als hätte man sie Ende August in ein Herbarium gepresst: einzigartig, aber eben nur ein Abbild von dem, was mal lebendig war. Romantik kam dabei nicht auf, aber Bewunderung für ein gutes Buch.

Albas Sommer. Zur Story:

Claudia Casanovas eleganter und etwas entrückter Roman beginnt im Sommer 1875, in dem die junge Spanierin Alba mit ihrer wohlhabenden Familie ins Valle de Valcabriel am Fuße der Pyrenäen zieht. Eine Zeit, in der nicht nur Blütenduft in der Luft liegt, sondern auch Fortschritt und Neubeginn. Männliche Gelehrte erforschen die Welt und die Naturgesetze, Jules Verne veröffentlichte unlängst seine Reise um die Erde in 80 Tagen, und in Spanien spricht man darüber, wie Bahnschienen schon bald die florierenden Metropolen verbinden könnten. Während die junge Wissenschaft der Botanik weiter aufblüht, verbringt Alba endlose Sommertage an der Seite ihrer Schwester damit, die Natur zu erforschen. Albas Mutter, ein sanfter Freigeist, unterstützt ihre Töchter entgegen üblicher gesellschaftlicher Konventionen. Schließlich wäre auch sie selbst in einer anderen Zeit lieber auf Entdeckungsreisen gegangen, anstatt aus dem kühlen Schatten heraus ihren Ehemann zu lenken oder zu besänftigen. 

Gleich zweifach eine Liebesgeschichte.

Als die naturbegeisterte Alba den bekannten deutschen Botaniker Heinrich Willkomm kennenlernt, entwickelt sich eine intensive Beziehung zwischen zwei Menschen, die einerseits Seelenverwandte sein könnten, jedoch andererseits in völlig unterschiedlichen Welten leben. Willkomm hat bereits das wissenschaftliche Ansehen, das Alba als Frau ihrer Zeit für immer verwehrt bleiben wird. Dafür bringt sie die unbändige Leidenschaft auf, die er auf seinen Studienreisen fernab von Frau und Familie vielleicht nicht gesucht, aber nun gefunden hat. Als sich die Gelegenheit ergibt, dass Willkomm eine von Alba entdeckte Pflanze auf der Weltausstellung 1878 in Paris vorstellt, kann Alba ihr Glück kaum fassen. Doch dann wird ihre Familie in den Grundfesten erschüttert, und die saxifraga alba, eine Blume mit einer Blüte, so weiß wie Albas Haut, wird zum Symbol einer vergangenen Liebe. 

Historischer Roman mit wahren Wurzeln.

Albas Sommer ist – wie auch Elizabeth Macneals The Doll Factory – eine fiktive Frauengeschichte, die an reale geschichtliche Figuren angelehnt ist: Die Figur der Alba ist inspiriert von der ersten Botanikerin Spaniens, Blanca Catalán de Ocón (1860-1904), welche ebenso wie Alba von ihrer Mutter gefördert wurde. Die Romanze mit dem deutschen Botaniker ist zwar frei erfunden. Heinrich Moritz Willkomm war jedoch wirklich ein überaus anerkannter Wissenschaftler, den seine Studienreisen nach Prag und Spanien führten. Nur eine Alba oder Blanca sucht man in seinen Aufzeichnungen sicherlich vergebens.  

Fazit: Exzellent, aber eher nicht meins.

Albas Sommer ist ein ausgesprochen gutes Buch, aber richtig berührt hat es mich nicht. Sommer denke ich, da rinnt dir der Schweiß das Rückgrat runter, sowas muss man doch irgendwie fühlen. Jedoch vermittelt das Buch auf bemerkenswerte Art und Weise das Schicksal der Frauen in einer Zeit, in der man – wie Alba – bei aller persönlichen Talentiert- und Versiertheit letztendlich allein von den (falschen) Entscheidungen der Männer abhängig war. In ihrem Nachwort zählt Claudia Casanova einige bedeutende, unbekannte Wissenschaftlerinnen auf, welche die Welt verändert haben und plädiert dafür, die Vergangenheit – sei es die wissenschaftliche, literarische oder jedwede –  aus mehr als nur einem (männlichen) Blickwinkel zu erzählen. 

Ausgabe und Autorin:

Claudia Casanova absolvierte ein Wirtschafts- und Übersetzungsstudium und veröffentlichte bereits mehrere historische Romane. Sie lebt und arbeitet in ihrer Geburtsstadt Barcelona.

Zur Ausgabe: Hardcover, 240 Seiten, erschienen am 30.09.2020 im Eichborn Verlag

Mein Buch ist ein Rezensionsexemplar. Lieben Dank an den Verlag für die freundliche Bereitstellung. 

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