Buchblog Adults Emma Jane Unsworth

Zwischen Selfies & Selbstfindung: ADULTS.

Ein Croissant ist ein Croissant ist ein Croissant. Es sei denn, du postest es auf Instagram, dann ist es ein Statement – ein cooles Accessoire deines Café Latte, eine Analogie der Fluffigkeit deines Lebens, ein Aufschrei deiner Generation, eine perfekte Ergänzung des eigenen #ootd. Warum ich da so drauf rumreite, auf einem dämlichen Croissant? Weil der Roman ADULTS von Emma Jane Unsworth mit dem unglaublich wichtigen Unterfangen der Hauptfigur Jenny beginnt, das eben erwähnte Backstück auf Instagram zu posten. Der Klassiker des urbanen, erwachsenen Food-Statements, der von Jenny aber erst mal so gründlich verkackt wird, dass sie besagtes Croissant im Mülleimer beseitigt, sich in der Damentoilette verschanzt und dort eine Runde heult, wie jede vernünftige Kreative das in so einem Fall getan hätte.

Und so beginnt der gefeierte Roman ADULTS mit dem Eingeständnis, dass moderne Menschen nun mal Idioten sind.

Houellebecq hätte es nicht besser ausdrücken können, obwohl, klar hätte er das, der hätte das eisenhart durchgezogen. ADULTS hingegen bleibt ziemlich an der Oberfläche, Jenny will nämlich vor allem gemocht werden. Likeable und so. Oft ist das unterhaltsam, weil sie mir die Flachheit meines täglichen Lebens vor Augen führt in einer Welt, in der jeder zweite Jack Russel Terrier mehr Follower auf Instagram hat als man selbst.

Zur Story: die Lebenskrise eines sympathischen Social-Suchtis.

Es geht also um Jenny, eine Mitdreißigerin, die teils witzig und teils echt nervig durch ihr Leben strauchelt, das ziemlich toll sein könnte, wenn sie es denn mal leben würde, anstatt es nur zu fotografieren und zu dokumentieren. Da ist ihre Beziehung zu dem Fotografen Art, der mit seiner Kunst durchstartet und derart uninteressiert an anderen Menschen ist, dass sie einem nur so zufliegen. Er ist zwar in der Lage, echt tiefgründige Gespräche zu führen, aber tiefe Beziehungen sind dann doch nicht sein Ding.

Jenny selbst arbeitet bei einem feministischen Onlinemagazin namens „The Foof“, in dem alle so klingen, als hätten sie den Style erfunden (aber nicht gerade den Feminismus). Für ihre Kolumne schlachtet sie das Leben ihrer jüngeren Mitbewohnerinnen aus, da es ihrem eigenen Leben ja auch aktuell an Verve fehlt. Im Gegenteil, das geht gerade echt den Bach runter, man denke an das Croissant. 

Jennys Zukunftspläne, mit Art eine Familie zu gründen und dadurch ein seelisches Upgrade zu erfahren, werden jäh zerschlagen. Was auch daran liegen könnte, dass Jenny selbst beim Sex zwischendurch aufs Handy starrt, und dann gibt es noch andere, ernsthafte Gründe. Jedenfalls zerbricht die Beziehung zu Art, der sowieso lieber in seiner Hipster-Zeitkapsel bleiben will als erwachsen werden und sich dann auch noch mit der Influencerin zusammentut, die von Jenny so unglaublich verehrt wird, wie man früher höchstens mal diese eine Boyband angehimmelt hat. 

Zwischen Social Media Wahnsinn und Mutterkomplex.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, zieht Jennys überdrehte Mutter bei ihr ein, die eines dieser erfrischenden Achtzigerjahreleben führt, in dem man noch bunte Klamotten, Pläne und Spaß hat und diese zu vernünftigen Cocktails und Toast Melba genießt, statt abwechselnd Wein, Koks und Proteine in sich reinzuschütten. Die ehemalige Schauspielerin und selbst ernannte Wahrsagerin mischt sich sehr sympathisch überall ein und bringt damit das Leben der Tochter noch mehr durcheinander, als es ohnehin schon ist. Und dann ist da noch Kelly, Jennys beste Freundin, die von Jenny selbst aber eher als Autokorrektur für SMS an den Ex genutzt wird, bis der alleinerziehenden Mutter endgültig der Kragen platzt. 

Am Ende steht Jenny also ziemlich alleine da, wenigstens für ein paar Minuten, bis sie sich aufrappelt und man ihr das Handy wegnimmt. Und dann ist der Roman auch wieder besser zu lesen, denn vorher war es, als starre man Menschen auf einer Bühne zu, die so lange Pirouetten um sich selbst drehen, bis einer anfängt zu straucheln und gleich zwei andere mit umreißt. Das ist teils lustig und teils ein bisschen Fremdschämen, weil ziemlich vorhersehbar ist, was als Nächstes passiert. 

Fazit: ein Selfie der Gesellschaft, auch mal hübsch und flach.

Emma Jane Unsworth zeichnet ein mal scharfes, mal albernes Bild der aktuellen Follow-for-follow-Gesellschaft. Irgendwie sind wir alle ein bisschen Jenny und stolpern zwischen dem, was wir auf Social Media zeigen und unserem filterlosen Naked-Leben herum. Sei es drum: Leseempfehlung für alle, die wie Jenny an der Schwelle zwischen Clubleben und Kinderzimmer stehen. Hört auf zu heulen. Ihre packt das. Und jetzt: weitermachen. 

Zur Autorin:

Die für ihre journalistischen Texte, Bücher und Drehbücher preisgekrönte Emma Jane Unsworth hat mit HUNGRY, THE STARS AND EVERYTHING und ANIMALS bereits zwei Romane veröffentlicht. Die Übersetzerin Viola Krauß hat in London studiert und jahrelang bei großen Verlagen gearbeitet. Aktuell lektoriert, übersetzt, schreibt und singt sie in einer kreativen Bürogemeinschaft in Köln. Sie hat übrigens auch meine persönliche Bullet Journal Bibel von Ryder Carroll übersetzt.

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Mein Buch ist ein Rezensionsexemplar. Lieben Dank an den Verlag für die freundliche Bereitstellung. 

1 Comment

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