READING

Das Leben ist keine Wellnessbude.

Das Leben ist keine Wellnessbude.

Manchmal liest man ein Buch und denkt sich dabei: Oha, so hätte das mit mir aber auch kommen können. Vielleicht nicht in der Intensität, aber hätte, hätte. Genau dieses Gefühl hat NICHT MEIN DING von Jami Attenberg sekundenweise bei mir ausgelöst. ALL GROWN UP heißt es im Original, was ich weitaus passender finde, weil es in letzter Konsequenz andeutet, dass Folgendes passieren kann: Du wirst erwachsen. Und stellst fest, dass du nirgendwo angekommen bist. 

Zur Story:

Die New Yorkerin Andrea ist 39, Single, kinderlos und treibt seit Jahren schon recht unverbindlich durch ihr Großstadtleben. Sie hat Talent, einen Design-Job in einer Werbeagentur, ein Appartement mit Blick auf das Empire State Building und eine ganze Menge schräger Dates und Bekanntschaften. Wer jetzt aber (wie ich anfangs) denkt, dass er sich mit NICHT MEIN DING eine leichte Zwischendurch-Lektüre anlacht, den muss ich leider enttäuschen.  

Null Sex and the City. Dafür viel Scharfsinn, Tiefgang und sprachlicher Witz.

Das Buch ist alles, nur nicht so, wie sein Klappentext vermuten lässt. Denn was sich von außen noch als ganz geiles, hippes Single-Leben darstellt, ist innen stark von Selbstzweifeln einer Hauptfigur ausgehöhlt, die sich aufgrund ihrer eigenen Geschichte nicht so wirklich auf was Dauerhaftes einlassen kann. 

Je weiter man liest, desto mehr lernt man einen Menschen kennen, der auf eine eigene, verquere Weise Halt sucht, aber nie so richtig findet: Andreas Künstlerkarriere scheitert, weil sie einfach nicht den Biss hat. Ihre Beziehungen scheitern, weil sie zuerst jemand sein muss, um zu jemandem zu passen. Aber um jemand zu sein, muss man irgendwas wollen, und um etwas zu wollen, muss man jemand sein. 

Verkrachte Existenzen.

Auch gewinnt man einen immer tieferen Einblick in Andreas zerrüttete Familie: Die Mutter war oft abwesend durch Geldnöte und eigene Hippie-Träume, der Vater, ein talentierter Jazzmusiker, war abwesend durch Drogen und dann durch Selbstmord. Wie soll Andrea also irgendwo andocken, wenn sie zwar das Gefühl von Schwimmen kennt, aber keinen Hafen in sich trägt? 

Und dann sind da noch die beste Freundin sowie Andreas Bruder und Schwägerin, die es alle gewagt haben, den traditionellen Weg von Ehe und Familie zu gehen, allen Widrigkeiten zum Trotz. Ich weiß auch nicht. Mein naives, optimistisches Selbst hätte irgendwie gerne gesehen, dass auch nur eine einzige Figur in diesem Buch breit lächelnd in den Sonnenuntergang stöckelt. 

Am Ende macht Andreas Wankelmut jedenfalls richtig Sinn. 

Sei es drum: Jami Attenbergs Schreibstil ist von einer grandiosen Klarheit, und sie trifft immer genau das richtige Gefühl. Charmant fand ich das Buch hingegen an den seltensten Stellen, und ich finde auch nicht, dass es das braucht. Wenn man dem Roman also etwas vorwerfen mag, dann wohl, dass er meines Erachtens nach ungefähr so gut zu seinem Klappentext passt wie ein Freak in eine Cocktailbar. Wer auf viel Freak und wenig Cocktail steht, der lese bitte dieses Buch. 

Details & Buch kaufen:

Jami Attenberg, geboren 1971 in Illinois, veröffentlichte vielfach ausgezeichnete Erzählungen und Romane. DIE MIDDLESTEINS und NICHT MEIN DING standen u.a. auf der Bestsellerliste der New York Times.

Dieser Beitrag enthält Affiliate Links.


RELATED POST

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

By using this form you agree with the storage and handling of your data by this website.

INSTAGRAM
@bock.und.kohle