Deine Seele, ein Dorf.

Was man von hier aus sehen kann, Mariana Leky

Ich schätze es passiert selten, dass man beim Lesen eines Buches zunächst auf Seite 15 in schallendes Gelächter ausbricht, um dann auf Seite 100 ernsthaft zu heulen. Damit ist das Wichtigste zu Mariana Lekys Was man von hier aus sehen kann eigentlich schon gesagt: Es ist ein ergreifendes Buch, das man unbedingt lesen sollte.

Zur Story:

In einem kleinen Dorf im Westerwald kann Selma den Tod voraussehen. Dieser kommt nämlich immer an dem Tag, nachdem der alten Frau im Traum ein Okapi erscheint. So ein Traum spricht sich im Dorf schnell herum, unter anderem deshalb, weil die Frau des Bürgermeisters eine Klatschtante ist. Leider lässt der Traum aber die komplette Dorfgemeinschaft im Unklaren darüber, wen es diesmal ereilt. Und so beginnt eine regelrechte Wanderung von Geheimnissen, Gedanken oder auch Menschen, die – nur für den Fall – nochmal aufräumen wollen, bevor sie denn ggf. abtreten müssen. 

„Selma hatte in ihrem Leben dreimal von einem Okapi geträumt, und jedes Mal war danach jemand gestorben, deshalb waren wir überzeugt, dass der Traum von einem Okapi und der Tod unbedingt miteinander verbunden waren. Unser Verstand funktioniert so. Er kann innerhalb kürzester Zeit dafür sorgen, dass die einander abwegigsten Dinge fest zusammengehören. Kaffeekannen und Schnürsenkel beispielsweise, oder Pfandflaschen und Tannenbäume.“

Ebenso wie ein Okapi laut Buch aussieht, als hätte man es aus mehreren anderen Tieren wahllos zusammengesetzt, setzt Leky auch die kuriose Dorfgemeinschaft zusammen. Auf den zweiten Blick wird aber schnell klar, dass alle hier zusammengehören. Wie Hundezotteln, die zwar wild in alle Richtungen abstehen, aber am Ende ein- und dieselbe Heimat haben. 

Erzählt wird die ganze Geschichte von Selmas Enkelin Luise, die am Anfang als Zehnjährige mit ihrem besten Freund Martin im Dorf herumtollt, während Selma der Kit ist, der alles zusammenhält – auch später Luises Leben. Dann ist da noch der Optiker, der Selma immer schon geliebt (und es mehrmals auch fast gesagt) hat, die traurige Marlies und die abergläubische Elsbeth, die ihre Pantoffeln einfach vom linken auf den rechten Fuß tauscht und umgekehrt, wenn diese abgelaufen sind.

Alle haben ihren Koffer zu tragen.

Aber man ist selten traurig darüber, sondern verfolgt mit wachsender Zuneigung, wie die Fäden des Schicksals sich durch das ganze Dorf weben.  In der Mitte des Buches musste ich beim Lesen an einen Tom Petty Song denken. Denn Tom Petty und Mariana Leky haben gemeinsam, dass sie beide schlicht beschreiben, was passiert ist und damit trotzdem Poesie erschaffen. 

Eine Sache hat mir ganz besonders gefallen, und vielleicht muss man wenigstens ein kleines Bisschen vom Land kommen, um sie zu verstehen: die Selbstverständlichkeit, dass man den anderen eben so nimmt wie er ist und keine große Sache daraus macht. 

Das Buch ist ein wunderbarer Roman über Vorzeichen, die Liebe und die Tatsache, dass man viele Dinge erst von Weitem richtig sehen kann.

Sei es, weil sie schlicht und ergreifend in der Zukunft liegen oder man nach einem halben Leben darauf zurückschaut. Was man von hier aus sehen kann ist Mariana Lekys dritter Roman nach Erste Hilfe (2004) und Die Herrenausstatterin (2010). Ich kann ihn jedem ans Herz legen, der beim Umblättern jeder Seite auch selbst ein bisschen umgekrempelt werden will.

Titel: Was man von hier aus sehen kann
Autorin: Mariana Leky
Gebundene Ausgabe:  320 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
Auflage: 23 (28. Dezember 2018)

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