Whisper Network, Chandler Baker

Böse Abrechnung à la #MeToo.

Im Oktober 2017 trendete bei Twitter ein Hashtag, der das erschreckende Ausmaß sexueller Belästigung am Arbeitsplatz offenlegte und mehrere Hollywoodgrößen ihre Jobs kostete: #MeToo. In Chandler Bakers WHISPER NETWORK ist es eine schwarze Mailingliste, die einen übergriffigen Chef zu Fall bringt und dabei zeigt, wie leicht Opfer- und Täterrollen umgekehrt werden können:

Die Juristinnen Sloane, Ardie und Grace werden trotz erstklassiger Laufbahn und exzellentem Einsatz im Job kleingehalten. Ihre größte Hürde auf dem Weg zum verdienten Erfolg stellt ihr sexuell übergriffiger Vorgesetzter Ames dar, der bald zum CEO ihres Arbeitgebers, eines führenden Sportbekleidungs-Herstellers, befördert werden soll. Das gilt es schnellstmöglich zu verhindern. 

Als Sloane von der BAD-Liste erfährt, tut sich eine relativ einfache Möglichkeit auf, um Ames’ wahre Natur aufzudecken.

Sie setzt ihn auf die besagte Liste, auf die Frauen anonym alle „Begrapscher aus Dallas“ setzen. In der Tat kommt Ames bald spektakulär zu Fall, nur leider ganz anders als gedacht. Denn der sexistische Arsch fällt publikumswirksam vom Dach des siebzehnstöckigen Bürogebäudes und wird vom Arbeitgeber als das arme, tote Opfer einer weiblichen Verleumdungskampagne hingestellt. Mit unabsehbaren Konsequenzen für die drei Frauen, die nun als Täter herhalten sollen.

„Das Blatt wendete sich in dem Moment, in dem Ames auf dem Asphalt aufschlug.“

In Rückblicken und Verhandlungsprotokollen wird eine Geschichte sexueller Belästigungen aufgedeckt, die sich etliche Jahre lang hinzieht, und in der sich immer wieder neue, missbrauchte Frauen zu Wort melden. Natürlich denkt man dabei an die Dynamik der #MeToo-Bewegung, aber viel bewegender fand ich die ganzen kleinen, alltäglichen Wahrheiten, mit denen das Buch gespickt ist. 

Da ist die traurige Wahrheit, dass Frauen sich oft nicht mal gegenseitig erzählen, was passiert, weil es jeder von uns passiert. Oder die grausame Wahrheit, dass man am besten so tut, als hätte man gar keine Kinder, Gefühle oder Titten, um in einer Führungsetage ernst genommen zu werden. Es gibt die miese Wahrheit, dass du deine Kinder krank in die Schule schickst und für einen Chef, der deine Arbeit nicht wertschätzt, deine Ehe aufs Spiel setzt. Und dann wäre da noch die halbe Wahrheit, dass nicht jede Frau loyal gegenüber anderen Frauen ist, nur weil sie eine Frau ist. Diese ganzen Wahrheiten und die herausragende Wir-Tonalität erschöpfter Protagonistinnen machen den Thriller lesenswert.

Alles in allem eine sehr souveräne Abrechnung mit einer männlich diktierten Berufswelt, in der hartnäckig das Märchen kursiert, dass karrierebewusste Frauen, die eine Ungerechtigkeit erfahren, entweder arme Opfer oder hysterische Schnepfen sind.

Klare Leseempfehlung, auch wenn ich den Thriller eher als Roman bezeichnen würde, weil mir teils die charakteristische Thriller-Spannung fehlte.

Chandler Baker ist studierte Juristin und Mutter und arbeitete zeitweise bei einer großen Sportfirma in Dallas. Im Anhang des Buches stellt sie klar, dass die Personen ihres Romans fiktiv sind, die Situationen aber durchaus realistisch und vom eigenen Arbeitsleben inspiriert. Ihr Buch stand wochenlang ganz oben auf der NY-Times Bestsellerliste. 

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