Klassische Krimi-Story: THOUSAND ISLANDS.

Der klassische Kriminalroman ist wohl einer, in dem sich illustre Leute an einem Ort versammeln, plötzlich ein Mord geschieht und fortan keiner das Gebäude verlassen darf, bis der Mörder gefasst wird. Bei Agatha Christie geschah dieser Mord 1934 im Orient Express von Istanbul nach Calais, bis heute eine unglaublich gute Geschichte. Bei Tessa Wegert, Kanadierin mit deutschen Wurzeln, ist es die Privatinsel Tern Island, die eine passable Kulisse für einen Mord abgibt. 

Nun bin ich etwas verhalten damit, den Kriminalroman THOUSAND ISLANDS – EIN RÄTSENHAFTER MORD als „Neuerfindung der klassischen Detektivgeschichte“ zu bezeichnen, so wie die Publishers Weekly das unlängst getan hat. Dafür bleiben mir die Figuren zu blass, und das Ganze hat dann auch nicht diesen speziellen Oldschool-Charme, den es bräuchte, um mich vollends zu begeistern. Aber sei es drum: THOUSAND ISLANDS ist ein Krimi, der vieles richtig macht. 

Zur Story: 

Upstate New York, an der Grenze zu Kanada: Eingebettet in die exklusive Ferienregion Thousand Islands mit rund zweitausend Inseln liegt die Privatinsel der offenbar schwerreichen Familie Sinclair, welche seit Generationen über ihr familieneigenes New Yorker Textil-Imperium herrscht. Nun versammeln sich diese Generationen im einzigen Haus auf der Insel, einem feudalen Landsitz, der ein bisschen nach schottischem Hinterland klingt und auf dem die gebrechliche Familien-Matriarchin Camilla und ihr Butler Norton residieren. 

Blut ist dicker als Wasser.

Jedes der sechs Familienmitglieder, die an diesem Wochenende auf der Tern Island anreisen, bringt seine eigenen Erwartungen und Geheimnisse mit. Camillas Enkel Jasper will die familiäre Zusammenkunft dazu nutzen, um seinen älteren Geschwistern Flynn und Bebe samt dessen Anhang seine Verlobte Abella vorzustellen. Als Jasper aber am ersten Morgen aus seinem Bett verschwunden ist und vom ihm nur eine stattliche Blutlache zurückbleibt, ruft das die Polizei auf den Plan, die bald mit weitaus mehr Problemen zu kämpfen hat als nur mit einer offenbar mordwilligen Familie. 

Senior Detective Shana Merchant, die bei ihrer letzen Ermittlung in New York schwer verletzt wurde, wird mit ihrem neuen Kollegen Tim Wellington auf den Plan gerufen. Eigentlich sollte die Versetzung in das beschauliche Jefferson County ein Neuanfang und der perfekte Ort für Shana sein, ihre seelischen und körperlichen Wunden zu heilen. Doch es kommt anders, und die beiden Kollegen werden in einen wahren Strudel mieser Psychospielchen einer Familie gezogen, der das äußere Ansehen sehr viel wichtiger ist als das Wohlergehen ihres Nächsten. 

Finanziell, juristisch und auch mental seit Generationen auf Erfolg getrimmt, sieht der Geldadel es nämlich überhaupt nicht ein, auch nur im Mindesten die Ermittlungen zu unterstützen und fährt alles an Drohgebärden, Arroganz und grottenschlechtem Benehmen auf, was er gemeinschaftlich zu bieten hat. Schnell wird klar, dass die Detectives nicht weiterkommen, wenn sie nach den Regeln spielen. 

Abgebrüht und abgeschnitten. 

So kalt die Gäste der Insel auf die Einmischung der Polizei reagieren, so ungemütlich wird überdies auch das Wetter. Und während sich draußen ein Sturm zusammenbraut und die dringend benötigte Verstärkung an der Anreise hindert, zerbröckelt die Fassade der High Society Familie, indem ein schmutziges Geheimnis nach dem anderen herauskommt. 

Und so kämpft die seelisch ohnehin bereits angeschlagene Shana bald nicht nur gegen ihre eigenen Monster und Albträume, sondern auch noch gegen die Gezeiten, einen unsichtbaren Mörder und einen Butler, der offenbar einiges zu verbergen hat. Kann sie wenigstens ihrem neuen Kollegen oder ihrem Verlobten trauen, der sich von außen irgendwie ein bisschen zu viel einmischt?

Mein Fazit: 

In einem Satz: Mir fehlen der Charme und der Mut. Doofe reiche Leute, die sich anzicken, in Kombination mit einer Kommissarin kurz vor dem Nervenzusammenbruch – das hat durchaus seine Berechtigung, brennt sich aber nicht mit diesem wohligen Krimi-Gefühl in meine Eingeweide ein. Daher empfehle ich das Buch denjenigen, die (nicht mehr als) eine saubere Story mit ein paar feierabendtauglichen Wendungen erwarten. Alle anderen kramen vielleicht besser doch noch mal Agatha Christie oder Sherlock Holmes hervor. 

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[powerkit_collapsible title=“Wo du das Buch lesen solltest:“]
In einem Ruderboot. Auf dem Wasser. Bei Nacht. Und Nebel.
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[powerkit_collapsible title=“Was du dazu tragen solltest:“]
Deinen Familienschmuck.
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[powerkit_collapsible title=“Mehr Infos zum Buch:“]
Deutsche Erstausgabe, aus dem Amerikanischen von Anke Kreutzer. Originaltitel: Death in the Family, Paperback , Klappenbroschur, 336 Seiten, erschienen am  12. Oktober 2020 im Heyne Verlag. Mein Buch ist ein Rezensionsexemplar. Lieben Dank an den Verlag für die freundliche Bereitstellung. [/powerkit_collapsible]

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