Fuck Konsum.

Als ich ein kleines Kind war, hatte ich eine dieser Omas, die in ihrer Küche toten Fasanen ihre glänzenden Federn ausgerupft und Äpfeln die braune Stellen weggeschnitten hat. Meine Oma war eine nachhaltige Frau. Wenn sie überhaupt etwas anschaffte, dann war es für ein ganzes Leben. Vieles bekam man zur Hochzeit und behielt es für immer. Heute tut man sowas oft nicht mal mehr beim eigenen Ehepartner. 

Nungut, in Sachen Ehepartner wäre meine Oma echt stolz auf mich. Mein Einkaufsverhalten fände sie hingegen echt schräg. Brauchst du das denn alles, Kind? Ne, echt nicht, Oma, das macht man heute aber so. Man reiche mir also bitte einen Papierstrohhalm, damit ich mich aus dem Konsum-Wirrwarr befreien kann, in das ich mich selbst vor Jahren aus allgemeiner Dauergestresstheit reingebracht habe. Oder ein Buch. 

Ob DER KONSUMKOMPASS mich rettet?

Teilweise. Ernährungsexpertin Katarina Schilling hat ihn sicher für Menschen geschrieben, die nicht mehr Teil unseres wahnwitzigen Kauf- und Wegwerf-Systems sein wollen, das sich irgendwann übelst verselbständigt hat. Er ist aber auch geschrieben für Menschen, die es ganz, ganz genau wissen wollen. Und so lerne ich beispielsweise eine ganze Menge über Verpackungsmüll, bis ich leise aufatmend zum Kapitel-Fazit gelange. Ehrlicherweise möchte ich es oft gar nicht soooo genau wissen. Mir reicht es schon, wenn mir eine möglichst vertrauensvolle Instanz bitte in einfachen Worten sagt, was ich tun soll. Dafür hab ich Zeit, das versteh ich, das klappt. Daher war ich sehr froh darüber, dass jedes Kapitel im KONSUMKOMPASS mit einer Zusammenfassung und einem entsprechenden Rat endet. 

Überhaupt ist das Buch, das vom Kaffee to Go über Mobilität bis hin zum politisch korrekten Konsum alles beleuchtet, erfreulich gut aufbereitet.

Der Konsum-Kompass, Katarina Schickling
Der Konsum-Kompass, Katarina Schickling

Und so habe ich nur noch ein halbschlechtes Gewissen, als ich es nach der Hälfte weglege bzw. zum Buch erkläre, in dem man besser blättert, als alles von A-Z zu lesen. Auf Seite 244 entdecke ich zufällig unter „Wegwerfen, aber wie?“ etwas, das meine Oma für eine absolute Selbstverständlichkeit hielt. Nämlich, dass man bei Obst und Gemüse Druckstellen immer noch wegschneiden kann, anstatt alles wegzuschmeißen. Wenn der Apfel jetzt noch vom Apfelbauern um die Ecke kommt, ist das perfekt.

Überhaupt sollten wir uns alle ein lockeres „Das ist doch noch gut so“ angewöhnen und wieder (frei nach Buddha) ein Leben führen, das sich von innen gut anfühlt anstatt eines, das von außen gut aussieht.

Zurück zum KONSUMKOMPASS: Ich habe mir aus dem, was ich gelesen habe, ein eigenes System zusammengestrickt, nach dem ich versuche zu leben. Folgendes ist mir wichtig, und bei jedem Punkt hat mich das Buch mit sehr guten Informationen versorgt: 

1. Was ich gar nicht erst kaufe, belastet auch niemanden. Auch nicht die Umwelt. Oder mich.

In meinem Bulletjournal habe ich eine Liste für Anschaffungen angelegt und schreibe viele Dinge erst einmal auf, bevor ich sie kopflos im Internet bestelle. So tätige ich weniger Impulskäufe und mehr überlegte Käufe. Wenn ich etwas kaufe, dann das mit der zu erwartenden höchsten Lebensdauer und nicht das günstigste. Klamotten kaufe ich fast gar keine mehr. Ich habe derart viele, dass die für zwei Ninas reichen. Und vieles, was mir gefällt, ist nicht gerade fair produziert, also spar ich es mir. Im Konsumkompass findest du übrigens eine Auflistung der Fair-Labels, auf die du achten solltest.

2. Ich übe mich in Verwertung.

Mein Neffe hat letztens ziemlich coole T-Shirts aussortiert, mein Mann Hosen, mein Sohn eine Jeansjacke, und zack, hatte ich einen Armvoll ziemlich cooler neuer Klamotten. Heute Mittag mach ich es mal meiner Oma nach und zweitverwerte ein paar schöne Marmeladegläser. Hier liegt so viel Kram rum, dass wir sehr viel Marmelade essen müssten, um für alles ein Glas zu haben. Die sehen auch schöner aus als Plastikdosen, die ich extra anschaffen müsste. 

3. Ich kaufe keine Produkte mehr, nur weil sie neu, bunt, im Trend oder sonstwas sind. Sondern nur das, was hier verwertet wird.

Als Werberin habe ich ein ganz schlimmes Faible für neue Produkte. Letztens habe ich ein cooles neues Müsli gekauft – und keiner hat es gegessen, weil hier eigentlich alle schon ihr Lieblingsmüsli haben. Daher achte ich inzwischen sehr darauf, nur das zu kaufen, was jeder mag und braucht, auch wenn es manchmal schwerfällt. Lebensmittel kaufe ich möglichst unverarbeitet, regional, bio und auch möglichst unverpackt. Ich beginne, so wie es im Buch steht, „weitgereiste Zutaten (wie die Avocado) als Delikatessen zu begreifen“. Und ich achte darauf, überwiegend Produkte zu kaufen, die keine tierischen Inhaltsstoffe enthalten, was heute echt easy ist.

Sehr angenehm am KONSUMKOMPASS ist, dass Katarina Schilling mir beibringt, was ich für die Umwelt tun kann, ohne mich dabei zu belehren oder vor unrealistische Aufwände zu stellen. Das spornt an und funktioniert, auch wenn vieles hier im Haushalt noch echt weit weg von perfekt ist. 

Fazit: sehr detailliert, aber verständlich, sympathisch und gut.

Was mir leichtfällt? Zu Weihnachten wird eine Kaffeemaschine angeschafft, die endlich die verhasste Kapselmaschine ersetzt und unser restliches Leben hält. Was mir schwerfällt? Ich wollte meine aktuelle 300 PS-Schleuder irgendwann durch den Sportwagen ersetzen, den die Jungs und ich schon fest auf unserer Wunschliste hatten. Auf Urlaubsreisen kann ich verzichten, aber den Traum vom Ford Mustang aufzugeben fällt mir schwer. Meine Oma hat übrigens in ihrem ganzen Leben nie ein eigenes Auto besessen. Andere Zeiten, nicht wahr. Und jetzt geht und rettet die Welt. 

Der Konsum-Kompass, Katarina Schickling
Der Konsum-Kompass, Katarina Schickling

Details & Buch kaufen:

Mein Buch ist ein Rezensionsexemplar. Ich danke dem Verlag für die freundliche Bereitstellung.

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