Von Herzblut und Tier-Gier.

So haben wir das schon immer gemacht, Carolin Günther

Massentierhaltung. Allein das Wort ist ein Drama. Als hätte das, was dahintersteckt, irgendwas mit irgendeiner Art von Haltung zu tun. Aber Worte können manchmal Taten beschönigen und aus Grausamkeiten eine Sechserpackung Grillwurst machen. 

Dass man mit schönen Worten und Illustrationen hingegen auch ins Schwarze treffen kann, zeigt Carolin Günther in ihrem Büchlein SO HABEN WIR DAS SCHON IMMER GEMACHT. Ich habe es ganz zufällig entdeckt und bin sehr froh darüber. Denn der krasse Gegensatz von kreativem Ideenreichtum, sprachlicher Niedlichkeit und grausamer Esskultur macht es zu einem besonderen kleinen Werk, in dem neben viel Können auch viel Herzblut steckt. 

Klare Ansage, kunstvoll umrankt.

Die Berliner Autorin, Malerin, Illustratorin und Bloggerin, die du bei Insta unter @art_and_almonds bzw. Caroletta findest, hat seit über 30 Jahren kein Fleisch mehr gegessen. Ihr BILDERBUCH ÜBERS TIEREESSEN zeigt, wie tief verwurzelt die Kultur des unersättlichen Tierkonsums in unserer Gesellschaft ist und wie wir uns alle schönreden, was bei näherem Hinsehen höchst verwerflich ist. 

So haben wir das schon immer gemacht, Carolin Günther

Äußerlich hat das Buch etwas von einem Kinderbuch, es ist klein und handlich mit dicken Pappseiten, so wie die Bücher, die früher bei meinen beiden Jungs im Kinderwagen lagen. Alle Gedanken und Texte sind in Reimform verfasst, mit teilweise wiederkehrenden Passagen, die an Kinderlieder erinnern.

Umso intensiver kommen die Inhalte rüber, die von kuriosen Denkmustern, Ignoranz und schlichten Lügen erzählen, die wir unseren Kindern über das tägliche Wurstbrot auftischen. Wir alle tun so, als würde Wurst auf Bäumen wachsen, steht da in einem der Reime, untermalt von einer entsprechenden Illustration, auf der Kinder Ringelrein um einen Wurstbaum tanzen und sich dabei an den Händen fassen. Auf einer anderen Seite steht, dass das Schwein leider Pech hat, weil es nun mal nicht der beste Freund des Menschen ist wie der Hund. Und man fragt sich: Warum eigentlich nicht? Meine Jungs würden jeden Abend mit ihm vorm Fernseher schmusen und es überall mit hinnehmen.

Das illustrierte Schwein im Buch sieht entsprechend herzallerliebst aus, sieht man von dem fehlenden Kotelett in der Körpermitte ab. Die Hauskatze auf dem Teller der nächsten Seite, mit Preiselbeeren fein als Festtags-Mahl angerichtet, mag ich mir als Katzenmensch eigentlich gar nicht reinziehen. 

In einem der Bücher oder Kanäle, die ich vor Jahren mal zum Thema Veganismus gelesen habe, stand ein Satz, der mir in Erinnerung geblieben ist:

Erst, wenn du mit deinen Kindern die komplette Kette der Herstellung besichtigen könntest, gibt ihnen auch das Erzeugnis zu essen.

Ich stelle mir einen Kindergartenausflug zur örtlichen Schlachterei vor.

Ich bin in einer Generation aufgewachsen, als man die Nachteile eines stark gezuckerten Joghurts noch damit wettzumachen versuchte, ihn so zu bewerben „wie ein kleines Steak“. Da dies heute wohl niemand mehr tun würde, sind wir alle ja schon einen Schritt weiter. Ich hab mir vorgenommen, dass das einzige Schwein, das zukünftig wegen mir geschlachtet wird, ein Sparschwein ist. In diesem Büchlein, das ohne die Unterstützung eines Verlags entstanden ist, ist die Kohle sehr gut angelegt.

Hier geht es zu einem Interview mit der Autorin.

Das Buch So haben wir das schon immer gemacht
Die Autorin Carolin Günther
Verlag 2020 „mit Hilfe der weltbesten Crowd auf Startnext“ realisiert
Wo du es lesen solltest In einem goldenen Weizenfeld
Was du dazu tragen solltest Einen Strohhut und einen Korb mit Obst und Gemüse
   

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