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Ich glaub ich hab Visionen. Eine Annäherung.

Ich glaub ich hab Visionen. Eine Annäherung.

Als Helmut Schmidt einmal gefragt wurde, wo seine große Vision sei, gab er „eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage“*. Als Bill Gates in den Siebzigerjahren etwas von „einem Computer auf jedem Schreibtisch in jedem Zuhause“ erzählte, hielt man das für einen mittelschweren Fall von Größenwahn. Fakt ist, dass Visionen ein schwieriges Thema sind, auch in Agenturen. Oft kommen sie immer dann auf den Plan, wenn es nicht rund läuft. Das haben die Visionen nicht verdient, finde ich. 

*“Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen“

Helmut Schmidt

Schlägt man die Vision bei Wikipedia nach, erhält man unter anderem einen gleichnamigen Text von Thomas Mann, eine Comicfigur aus dem Marvel-Universum, die „langfristige Ausrichtung eines Unternehmens“, die „optische Sinnestäuschung“ und die „Pseudohalluzination“*. Aber auch, wenn wir alle schon mal im Visionsmeeting gesessen und uns gefragt haben, ob die anderen gerade schwere Hallus haben, geht es hier eher um die Unternehmensausrichtung.  

Die ist oft krass schwer zu finden, dabei kommt sie bei unseren großen Vorbildern wie Apple doch so easy rüber. Disney ist auch so ein Fall, da lautete die Unternehmensvision lange schlicht: „To make people happy“. Größenwahn? Klar, in seiner schönsten Form, aktuell ausgezeichnet mit 26 Oscars. Was macht diese Vision so perfekt? Ein Annäherungsversuch: 

Der Zweck heiligt die Vision. 

Ein einfacher Weg zur Vision ist der, sich den Zweck des eigenen Unternehmens zu verdeutlichen und diesen dann zukunftsfähig zu machen. Klingt kompliziert, ist aber einfach. Denn es gibt laut Unternehmercoach Stefan Merath lediglich einen Sinn und Zweck, den Unternehmen überhaupt verfolgen können, und zwar ALLE Unternehmen: ihren Kunden zu nutzen*. Moment mal, und Geld verdienen? Das ist kein Zweck, sondern ein Ergebnis.

Visionär sind Unternehmer dann, wenn sie den Zweck ihres Unternehmens weiterdenken und sich ein möglichst gutes Bild davon machen, wie sich ihr Unternehmen langfristig als nützlich für die Gemeinschaft (und nicht für sich selbst) erweisen kann. Damit sichert die Vision nichts Geringeres als den wirtschaftlichen Unternehmenserfolg in den nächsten Jahren. Disney macht schon mal alle glücklich. Und jetzt kommst du. 

Die Formulierung ist nachrangig.

Klar gibt es schöner formulierte Sätze als die fast kindlich einfache Disney-Vision. Aber spätestens seit Yoda ist klar, dass man es mit der Satzstellung nicht so genau nehmen muss, um etwas wirklich Bedeutsames zu sagen. Eine gute Vision ist kurz und verständlich. Wenn man immer schön im Kreis schreibt, passt die bekannteste Vision von Apple auf einen Bierdeckel. Im Gegensatz dazu lesen sich manche Agenturvisionen, als hätte Udo Lindenberg versucht, Vom Winde verweht neu zu verfassen.

„Wir wollen anwenderfreundliche Computer bauen, mit denen alle Menschen sofort zurechtkommen. Wir sind darauf fokussiert, einfache und klare Produkte mit einem tollen Design zu entwickeln, da wir alle als physische Wesen Klarheit und Übersichtlichkeit schätzen. Wir wollen das Leben der Menschen bereichern.“

Apple

Kannst du nicht folgen, ist es keine Vision. 

Eine Vision hat keine konkrete Zeitangabe, aber sie weist immer in eine klare Richtung. Wenn ich jemanden glücklich machen möchte, mache ich ihn nicht unglücklich. Wenn ich „den vielen Menschen einen besseren Alltag ermöglichen“ will, dürfen IKEA-Möbel nicht teuer oder schwer zu beschaffen sein (es wäre auch super, wenn sie einfach aufzubauen wären). Beides sind im Übrigen Visionen, an denen man gerne mitarbeitet.

Um den Energiestrom aller Mitarbeiter sauber auszurichten, muss man sich also ins Zeug legen, ist aber dann beispielsweise auch besser vor teuren Fehlbesetzungen geschützt: Wenn ich zum Mond möchte, sollte ich Astronauten verpflichten. Wenn ich nicht weiß, wo ich hinmöchte, habe ich am Ende vielleicht ein paar echt gute Rennfahrer, aber keinen, der die Rakete baut. In Agenturen werden personelle Ressourcen immer so knapp bemessen wie möglich; schon alleine deshalb sollte keiner völlig anders unterwegs sein als die unternehmerische Vision.  

Denke in Grabsteinen, nicht in Tabellen. 

Die Vision ist die Mutter aller Ziele. Sie ist das, was am Ende der positiven Vorstellungskraft liegt. Und das ist hoffentlich nicht „Er konnte immer so gut Kosten einsparen“, sondern etwas, das einen wirklichen unternehmerischen Wert darstellt. Der lässt sie sich dann auch wunderbar beim Generationenwechsel vererben. Deshalb überdauern manche Visionen (und Unternehmen) auch, wenn ihre Visionäre irgendwann nicht mehr morgens im schwarzen Rollkragenpulli zur Arbeit erscheinen. 

Was passiert eigentlich, wenn man als Unternehmer ein Unternehmen ohne Vision an die nächste Generation übergibt? Dann kann man nur hoffen, dass der Nachfolger auch ein Unternehmer ist und kein Manager, der es gewohnt ist, Visionen mitzugehen, statt sie zu haben. 

Eine Vision ist eine Ansage, kein Konsens.  

Sie beflügelt idealerweise alle, aber es ist Sache des Unternehmers, sie zu entwickeln. Kein anderer kann in seinen Unternehmerschuhen laufen, und keiner kennt das unternehmerische Ziel besser als er. Daher kann man alles Mögliche zur Diskussion stellen: Arbeitszeiten, Klamotten, Firmenwagen, Kaffeesorten, Tools, aber nicht die Vision des eigenen Unternehmens. Ich versammle ja auch nicht einen Segler, zwei Rennfahrer und ein paar Astronauten in einem Raum, um dann zur Diskussion zu stellen, wo wir hinfahren. Was ich hingegen machen kann, wenn schon alle an Bord sind, ist: ein Ziel setzen und zusehen, dass sie ein völlig neues, besseres Gefährt entwickeln, um dort anzukommen. 

Eine Vision kommt von innen und wirkt nach außen. 

Visionäre sind Menschen mit der einzigen Krankheit, von der man sich gerne anstecken lässt. Apple war das Unternehmen eines Visionärs, das etliche weitere Visionäre hervorgebracht hat – inklusive der meisten Apple-Kunden. Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass wir alle Visionen haben, quasi als Gratis-Turbo unseres seelischen Motors. Manche Leute werfen ihn an und starten was Großartiges. Manche gründen Unternehmen. Andere verwirklichen ihre persönlichen Visionen. Sollte man nicht doch lieber zum Arzt gehen? Wohl kaum, nur weil man Visionen hat. Auf jeden Fall aber, wenn man sie nicht hat. 

*Die Vision von Wikipedia lautet übrigens: „Stell dir eine Welt vor, in der jeder einzelne Mensch freien Anteil an der Gesamtheit des Wissens hat.“

**Der Weg des Unternehmers, Stefan Merath, Bestseller aus dem Gabal-Verlag, 18. Auflage, auch als Hörbuch erhältlich


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