Die Mutter aller Montage.

Die Verwandlung, Franz Kafka

Erinnerungen. Sie summen in der Dämmerung leise im Chor und lassen dich manchmal nicht schlafen. Sie krabbeln wild durcheinander, bis aus Raupen Schmetterlinge werden und aus Schmetterlingen wieder Raupen. Meine Erinnerungen an Franz Kafka sind ähnlich flatterhaft, aber diese gehört unzweifelhaft dazu:

In DIE VERWANDLUNG erlebt Gregor Samsa quasi die Mutter aller Montage, indem er morgens als Ungeziefer aus dem Bett kriecht. 

Das Buch aus dem Erscheinungsjahr 1915 erzählt, so möchte man fast meinen, die Geschichte des ultimativen Burnouts, gehüllt in ein krasses Horror-Schaben-Gewand. In Kafkas längster zu Lebzeiten veröffentlichten Erzählung bleibt für viele unklar, ob dieses Gewand echt ist oder nur der Panzer aus Pflichten, den der Handlungsreisende Gregor in einem sinnentleerten Dasein mit sich herumträgt.

Die bildschöne Graphic Novel von Corbeyran/Horne jedenfalls nimmt die Schabe für bare Münze und setzt eine wissenschaftlich anmutende Beschreibung an den Anfang des Buches.

Meine Erinnerung an Kafka ist aber gar kein ganzes Buch, sondern ein erster Satz, der eingebrannt ist in mein jugendliches Schulgehirn und den wir unermüdlich und ziemlich albern rezitiert haben, weil er so karg, so ungeheuer lapidar und doch so dramatisch war. 

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“

Wir haben uns einen der bekanntesten Plots der Weltliteratur wie ein Dada-Gedicht zugerufen, und schon muss ich an Anna Blume denken, die von hinten wie von vorne ist, damals im Literaturkurs, in dem mein Lehrer mir sagte ich solle doch mal auf die Bühne gehen und ganz laut schreien, und ich verstand in diesem Moment die Herausforderung gar nicht, bis Miriam auf die Bühne kam und nur ganz leise schrie.

Gregor Samsa kann sich ähnlich unmöglich artikulieren, als Parasit in einer düsteren Welt, die Richard Horne mit seinen Zeichnungen erschafft: monochrom, klar und stilvoll, aber auch mal mit fast witzigen Szenen und genial überzeichneten Gesichtern. 

Ich mag die Vorstellung, dass auch Kafka Humor hatte. 

Der bekannte Schreiber Eric Corbeyran hält sich indes zwar nah an den Originaltext der Erzählung, integriert aber sprachliche Comic-Elemente, die der Verwandlung eine eigenwillig moderne Attitüde geben. Den ersten Satz hat Corbeyran verändert, indem er Gregors Träume herausgekürzt hat. Das ist für mich zwar ein bisschen so, als würde man bei „We are the Champions“ das „my friend“ killen, aber sei es drum.

Die Verwandlung, Franz Kafka, DS
Die Verwandlung, Franz Kafka

An die ganze Geschichte erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Ich sehe die Mappe mit den Tuchwaren des Handlungsreisenden Samsa, die in der Ecke steht und der Nutzlosigkeit anheim gefallen ist. Ich sehe ihn auf seinem panzerartigen Rücken liegen; mit vier Flügeln, von denen zwei zum Fliegen gar nicht geeignet sind. Ich sehe den Alltag eines Arbeitnehmers, den nichts beflügelt und der sich nicht im Geringsten damit beschäftigt, wie er wurde, was er nun ist. Stattdessen sorgt er sich, weil er nicht wie jeden Morgen mit dem Frühzug zur Arbeit fahren kann. Überhaupt fliegen Schaben nur über kurze Distanz und werden nicht besonders alt.

Auch die Geschichte um Gregor geht nicht gut aus.

Ich habe mir Kafka früher immer so vorgestellt wie unseren Französischlehrer, der verrückt war auf eine zufriedene, elaborierte Art mit komisch verschränkten Gliedmaßen, wie ein seltsames Tier im Intellektuellenzoo. Ich muss daran denken, wie meine erste Liebe im Schulflur an der Türe unserer Klasse gelehnt und auf mich heruntergeschaut hat, den einen Mundwinkel zum Lächeln verzogen, wie man das nur mit 16 machen kann. Ich muss an Klassenkameraden mit glänzenden Haaren und Mädchen mit zu großen Sweatshirts und Stulpen denken und an Depeche Mode und die schwarzen Locken von Dave Gahan. Ich muss daran denken, dass das hier vielleicht gar nichts zur Sache tut. 

Erinnerungen. Sie wuseln herum und ergeben eine eigene Graphic Novel im Kopf. Wie schön wäre das, wenn man diese so in die Hand nehmen könnte wie diesen echt coolen Corbeyran/Horne. 

Titel: Die Verwandlung
Autor: Corbeyran/Horne
Gebundene Ausgabe: 48 Seiten
Verlag: Knesebeck
Auflage: (24. August 2010)

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