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Eine unendliche Affäre.

Eine unendliche Affäre.

Gabrielle Zevin, Das Verhältnis

Es gibt kaum ein Thema, bei dem meine Unbeherrschtheit so offen und peinlich zu Tage tritt wie die Affäre Clinton/Lewinsky. Ab der ersten Meldung war ich sauer. Darüber, dass eine Frau, deren erster Job nach dem College einer im Weißen Haus war, als vollbusiges Dummchen dargestellt wurde. Darüber, dass die Botschaft oft war, dass wohl die Frauen schuld seien – ganz gleich, ob Geliebte oder Ehefrau. „Monica Lewinsky stürzte beinahe den US-Präsidenten“, steht im Internet. Und ich bin sauer.

Die Story war auch nicht grad erhebend.

Clintons Affäre mit der 27 Jahre jüngeren Praktikantin stürzte seine Präsidentschaft Ende der Neunziger in eine tiefe Krise. 1998 kam es zum Amtsenthebungsverfahren aufgrund von Meineid und Behinderung der Justiz, da er versucht hatte, die Affäre zu verschleiern. Die Mehrheit im Senat stimmte jedoch gegen die Amtsenthebung.

Gabrielle Zevin erzählt eine fiktive Geschichte mit Parallelen.

In ihrem Roman „Das Verhältnis“, beginnt die ambitionierte Kongress-Praktikantin Aviva ein Verhältnis mit dem signifikant älteren Abgeordneten Aaron Levin. Die junge Frau verliebt sich in den charismatischen Mann, der Menschen das Gefühl gibt, dass nur sie da sind. Selbstverständlich kommt die Sache ans Licht, und Aviva wird über Nacht, wie es im Buch heißt, „Floridas Antwort auf Monica Lewinsky.“

Der Kongressabgeordnete ist daraufhin öffentlich zerknirscht, hakt die Sache ab und führt seine politische Laufbahn fort.

„Er war nicht ihr „direkter Vorgesetzter“, um die schwache Erklärung zu zitieren, die er bei der Pressekonferenz abgegeben hatte. „Zu keiner Zeit war ich der direkte Vorgesetzte der Frau“, sagte der Kongressabgeordnete Levin, „das Leid, das ich meiner Familie beschert habe, bereue ich zutiefst, besonders für meine Frau und meine Söhne tut es mir leid, aber ich versichere Ihnen, dass keine Gesetze gebrochen wurden.“

Avivas Leben hingegen zerfällt mit Anfang Zwanzig zu Scherben. Aus dem Menschen Aviva, der Tochter Aviva, dem aufstrebenden Politik-Frischling Aviva wird eine vogelfreie Sache, über die jeder seine noch so unangebrachte Meinung kundtun kann.

„Ihnen ist nicht bewusst, dass sie über einen Menschen sprechen. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie über die Tochter von jemandem sprechen.“

Während Familienmitglieder auf beiden Seiten unterschiedlich mit der Sache zu kämpfen haben, ändert Aviva ihren Namen und zieht in eine Kleinstadt in Maine. Sie wird Hochzeitsplanerin und zieht eine aufgeweckte Tochter groß, über deren Vater der Leser spekulieren darf.

Kein Drama, sondern das Leben.

Wer denkt, „Das Verhältnis“ würde die Dramatik einer wahren Sensationsstory ausschlachten, liegt falsch. Im Gegenteil, es ist ein humoriges Buch mit intelligenten Figuren, die alle auf ihre Art und Weise mit etwas umgehen, mit dem eigentlich kein Mensch gut umgehen kann. Beispielsweise mit dem Internet, das nie etwas vergisst.

Großartig ist die Entscheidung der Autorin, die Geschichte von vier Frauen erzählen zu lassen: Avivas Mutter Jane, Avivas Tochter Rachel, Kongressabgeordneten-Ehefrau Embeth am Ende auch Aviva mit Zwanzig. Alle wollen den Lauf der Dinge lenken. Alle sind zu klug, um nicht zu wissen, was sie selbst dabei bestimmt haben.

Fazit: intelligente, leichte Lektüre mit einem Kern aus harter Wahrheit.

Monica Lewinsky bezeichnete sich vor ein paar Jahren in ihrem Essay „Shame and Survival“ als“the first person whose global humiliation was driven by the Internet”. Sicher hat Gabrielle Zevin sich etwas dabei gedacht, als sie Aviva auch noch einen pikanten Blog gegeben hat, der bei Bekanntwerden ihre öffentliche Erniedrigung immens verstärkt. Doppelmoral und Frauenfeindlichkeit sind jedoch kein Online-Phänomen, und die Botschaft, dass Frauen länger für ihre Fehler zahlen, kommt bei aller Leichtigkeit deutlich an. Ebenso wie die, dass Frauen oft selbst bestimmen können, wann sie genug gezahlt haben.

Die Affäre Clinton/Lewinsky ist übrigens das Thema der dritten Staffel der mehrfach Emmy-ausgezeichneten Netflix-Serie „American Crime Story“. Lewinsky selbst wird die Serie 2020 mitproduzieren. Ich bin gespannt und versuche, auf niemanden sauer zu sein.

Gabrielle Zevin studierte Literatur in Harvard und veröffentlichte bereits mehrere Romane und Drehbücher, die vielfach übersetzt und ausgezeichnet wurden. Sie lebt in Los Angeles.

Titel: Das Verhältnis
Autor: Gabrielle Zevin
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Diana Verlag
Deutsche Erstausgabe: 10. Juni 2019

Dieser Beitrag enthält Affiliate Links.


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  1. Julia

    10 August

    Ich hatte von dem Roman gehört und überlegt ihn zu lesen (icb bin ja für politische Stories immer zu haben), aber dass die Protagonistin dann Hochzeitsplanerin wird, hat mich irgendwie abgeschreckt. Das erscheint mir einfach merkwürdig.
    Aber da dir das Buch gut gefallen hat, überlege ich doch wieder, es zu lesen…

    • Nina

      10 August

      Ja, es hat mir total gut gefallen, aber es ist eher eine Familiengeschichte als eine politische, in der es auf eine tolle Art um persönliche Entscheidungen geht. Der Hochzeitsplaner-Job und der Spruch auf dem Einband „Hinfallen, aufstehen, Krone richten“ deuten in der Tat auf eine leichte, leicht dämliche Romantik-Komödie hin, was dem Buch überhaupt nicht gerecht wird, finde ich! Also davon nicht abschrecken lassen:-) Liebe Grüße, Nina

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