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Operation Schönheit.

Operation Schönheit.

In der Zeit, in der ein Freund mir im Vertrauen sagte, dass ich zwar nicht so gut aussehen würde, aber das Ganze ja mit Humor und Intelligenz wettmachte (noch mal Danke dafür), war ich ungefähr Mitte zwanzig. Bis dahin hatte ich mir eigentlich keine Gedanken darüber gemacht, wie ich aussehe. Geradezu tänzerisch bewegte ich mich durch ein behütetes Leben, ganz gleich ob nackt, halbnackt oder angezogen, und es gab keinen Grund, den Dingen oder den Menschen nicht mit einem breiten Lächeln zu begegnen. 

Ich schätze, ich habe einen Großteil dieser Einstellung hinübergerettet in die sehr späten Vierziger, und ich sehe bislang auch keinen Anlass, sie irgendwann aufzugeben. Natürlich ist es nicht nur bei der eingangs erwähnten Bemerkung geblieben, sondern vom grundsätzlichen Daumen hoch zur positiven Beschaffenheit meiner Haut oder meines Hinterns bis hin zum aktiven Rummeckern an meinen Haaren oder meinen Brüsten ist noch einiges dazugekommen. 

Ich persönlich habe mit 99% dieser Bemerkungen meinen Frieden geschlossen und die fiesen übrigen ein Prozent unter meinen seelischen Teppich gekehrt. 

Ich würde mich trotzdem ohne viel TamTam unters Messer eines ausgebildeten Menschen legen, der in der Lage ist mein Profil zu verschönern, auf welcher Höhe auch immer. Nur, um mal klarzustellen, dass das Lesen eines Buches wie DEINE NASE KANN NICHTS DAFÜR mich nicht zwangsweise als Gegner von Schönheits-OPs aufweist. 

Humorige Standpauke vom Promi-Chirurgen.

Der Autor, Dr. Artur Worseg, Facharzt für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie, gilt als Chirurg der Reichen und Prominenten Europas. Er betreibt in Wien seine eigene Klinik mit dreißig Betten, vier Operationssälen und siebzig Mitarbeitern. Das erste Mal von ihm ertappt fühle ich mich nach rund vier, fünf Seiten.

Nach weiteren dreißig Seiten ist es eher, als hätte mir jemand ein neues, stärkeres Skelett angelegt, und ich kann noch nicht mal genau ausmachen, warum. Wahrscheinlich, weil mir einer, der etwas davon versteht, gerade klipp und klar gesagt hat, dass ich mich locker machen kann, weil innere Zufriedenheit nicht durch äußere Optimierung zu erlangen ist. Da ich ziemlich intelligent bin (siehe oben), habe ich das sogar gewusst. Aber etwas wissen und es dann auch zu glauben sind nun mal zwei unterschiedliche paar Möpse. 

„Nicht unsere Schönheit entscheidet, ob wir uns lieben, sondern unsere Liebe zu uns selbst entscheidet, ob wir uns schön finden.“

Seite 8

Das Buch ist so dünn, wie manche Patientin wahrscheinlich gerne wäre und wartet mit den üblichen Fallbeispielen auf, die unsere innere Sensationslust befriedigen. Viel interessanter finde ich allerdings die gesellschaftlichen Trends, die es mir vor Augen führt: Das Leben ist so unglaublich schnell geworden und zwingt uns zur Oberflächlichkeit, denn wir sehen und fühlen die Dinge oft nur noch wie aus dem Seitenfenster eines Schnellzugs an uns vorbeirauschen. Und was man nur kurz sieht (oder zur Schau stellt), muss eben perfekt sein. 

Dazu kommt, dass wir alle verlernt haben, wie normal es eigentlich ist, sich mal nicht wohl in der eigenen Haut zu fühlen, weil das Leben gerade doof war oder sich die Dinge verändert haben. Und dass diese Phasen wieder vorbeigehen, auch wenn man nicht operativ eingreift. Wir haben das Abwarten und Erleben verlernt und es gegen das Abknipsen und Abhaken eigetauscht. Und nicht selten stecken wir auch noch in Beziehungen, die ebenfalls eher durch Bewerten als durch Wertschätzung geprägt sind.

Die Schönheitschirurgie als realer Insta-Filter.

Eine der bedrückendsten Informationen in diesem Buch ist die Tatsache, dass immer mehr Menschen versuchen, ihr Gesicht operativ so anpassen zu lassen, dass es aussieht wie auf Selfies. Da unsere Arme generell zu kurz sind, um ein anständiges Foto von uns selbst zu machen, schalten wir auf Weitwinkel und verzerren uns erst mal anständig. Auf Fotos funktioniert das, in der Realität sieht so ein Weitwinkelgesicht jedoch aus wie eine Karikatur.

Die Formel, die Worseg dagegen empfiehlt? Langsamkeit, Besinnung und Tiefgang. Klingt banal, ist aber ebenso anstrengend wie zweimal in der Woche im Fitnessstudio auftauchen. Ich kann das Buch durchaus empfehlen, weil es einem vor Augen führt, dass wir nach innen gucken sollten, nicht nach außen. Das schönste Statement zum ganzen Schönheitswahn habe ich allerdings unlängst in einem anderen Buch gelesen:

„Erschaffe ein Leben, das sich im Inneren gut anfühlt, nicht eines, das von außen gut aussieht“.

Buddha

Ich bin mir sicher, dass wir alle dazu nicht nur in der Lage, sondern eigentlich auch mehr als willens sind. 

Das BuchDeine Nase kann nichts dafür
Der AutorDr. Artur Worseg
Der Verlagedition a
Gebundene AusgabeAuflage: 1 (16. März 2019), 160 Seiten
Wo du es lesen solltestAuf der Königsallee
Was du dazu tragen solltestEine Sonnenbrille und ein Pflaster über der Nase

Dieser Beitrag enthält Affiliate Links.



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  1. Julia

    13 Juli

    Was für ein herrlicher Text! Bei „da ich ziemlich intelligent bin (siehe oben)“ habe ich wahrhaft geprustet ! 😀

    • Nina

      14 Juli

      Find ich super, dass dir mein Text gefällt! Nach total viel Umbauen von einem Blog in den anderen bin ich auch echt froh, einfach mal wieder schreiben zu können, so sehr ich WordPress liebe. Aber das mit dem Blog umziehen hast du ja auch hinter dir;-) Liebe Grüße, Nina

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