Das Herz ist ein Hafen.

„Eine Yacht zu kaufen war die absurdeste Idee, die ich in meinem ganzen Leben gehört hatte“.

Juliet, UNTER UNS DAS MEER  

Juliet ist nicht gerade begeistert, als ihr Mann Michael das gemeinsame Vorstadt- und Familienleben gegen ein Leben auf See und Fahrten durch die Karibik eintauschen will. Michaels Traum, ein Jahr lang vom Meer aus die Welt da draußen zu erkunden, ist für seine Frau, die bereits an Land mit Depressionen kämpft, so weit weg wie kaum etwas anderes. Mit zwei kleinen Kindern hat die früher von Poesie beflügelte Frau längst ihre literarische Doktorarbeit unvollendet an den Nagel gehängt. Juliet ist ohnehin nicht gerade der Mensch, der sich kopfüber in neue Situationen stürzt. Doch neben Juliets Angst vor neuen Situationen ist da auch die Hoffnung, sich fallen zu lassen in ein Element, in dem sie vielleicht wieder schwimmen kann, anstatt mit rudernden Armen ums seelische Überleben zu kämpfen. Und auch Michael träumt davon, an Bord das bröckelige Eheleben der beiden zu kitten.

Nun hat das Meer zwei Eigenschaften: Es kann dich auffangen, oder es kann dich zerstören.

Ebenso verhält es sich mit Erinnerungen. In UNTER UNS DAS MEER, dem brillanten Roman der Amerikanerin Amity Gaige, sind es demnach auch nicht nur die Naturgewalten, mit denen Juliet und Michael zu kämpfen haben, sondern auch das, was beide an seelischem Ballast mit an Bord schleppen.

„Die Menschen glauben, Weltumsegler würden vor ihren Problemen davonlaufen. Aber sie laufen nicht vor Problemen davon – sie wollen bloß andere.“

Michael, UNTER UNS DAS MEER  

Ihr neues, temporäres Zuhause, ein hochseetüchtiges Segelboot, hat Michael aus einem Impuls heraus gekauft und kurzerhand nach seiner Frau umbenannt. Jeder Segler weiß, dass es Unglück bringt, einem Boot einen neuen Namen zu geben. Aber Michael und Juliet sind anfangs kaum als Segler, sondern eher als Suchende zu betrachten. Bis beide auf ihre Art und Weise zu Seeleuten werden. Im Original heißt das Buch übrigens SEA WIFE, was ich passender finde, weil gerade Juliet eine Entwicklung durchmacht, die sicher auch auf ihre Kindheitserinnerungen übertragen werden kann:

Erst ist das Meer eine Bedrohung, und dann merkst du, das es längst ein Teil von dir ist.

In abwechselnden Perspektiven erzählt das Ehepaar in UNTER UNS DAS MEER seine Geschichte. Michaels Gedanken werden dabei aus einem Logbuch wiedergegeben, in dem er bis zum letzten Tag ganz akribisch alle Details und Gedanken auf See festhält. Immer wieder wechselt man aus seiner Welt in die Gedankenwelt seiner Frau Juliet, die zunehmend mit der Brandung in ihrem eigenen Inneren kämpft: Erinnerungen an eine Kindheit kommen hoch, welche früh durch Geschehnisse zerstört wurde, die im Buch nur ganz langsam an die Oberfläche kommen. Wenn man so mit den beiden Hauptfiguren mitliest wird klar, dass beide in erster Linie mit sich selbst zu tun haben und darüber auch den Kontakt zum anderen verloren haben. Ein Sprichwort besagt, dass man nur einen Finger ins Meer tauchen muss, um mit der ganzen Welt verbunden zu sein. Vielleicht ist es ja das, was beide versuchen.

„Ich habe versucht, ihren Schmerz zu teilen. Aber mit einem depressiven Menschen zusammenzuleben, ist schwer. Es ist, als wäre man mit den Gezeiten verheiratet.“

Michael über Juliet, UNTER UNS DAS MEER  

UNTER UNS DAS MEER hat mich absolut begeistert und gefesselt, und nicht nur, weil ich so vieles auf der Segelyacht Juliet so deutlich nachvollziehen konnte, als würde ich selbst wieder vorne am Bug unserer Hirondelle stehen, mit einem Tau in der Hand und bereit in den nächsten Hafen einzulaufen.

Meine Eltern haben ihr erstes Segelboot gekauft, als ich ungefähr sechs Jahre alt war, und noch bis ins Studium hinein war das Segeln ein natürlicher Teil meines Lebens. Und so ist mir – gerade bei Juliets Beschreibungen – vieles wieder eingefallen. Die Eigenart, dass man sich auch noch nach Jahren auf einem Boot überall den Kopf stößt. Kinder, die glücklich in Beibooten auf große Fahrt gehen. Die eingeschworene Segler-Gemeinschaft, die wie eine große Familie ist. Riesige Wellen, die sich hinter dem Cockpit auftürmen und unter dem Heck verschwinden. Wenn Michael beim stärksten Unwetter versucht das Segel zu reffen, sehe ich meinen Vater fluchend und rutschend in seinem Ölzeug an Deck. Und als zur Perspektive der Eltern auch die der kleinen Tochter Sybil dazukommt, kann ich total nachfühlen, wie es ist, wenn man wieder an Land steht und das Boot wie einen guten Freund vermisst.  

Aber Seglerkind hin oder her. Es ist der Sog jeder gut erzählten Story, in den man bei UNTER UNS DAS MEER hineingerät. Schon anfangs wird ziemlich deutlich, dass diese Geschichte zwar nicht mit einem Happy End endet. Aber als Segler oder einfach nur als fühlender Mensch weiß man wohl, dass man nicht ins tiefe Wasser fallen kann, ohne sich nicht auch ein kleines bisschen umarmt zu fühlen.

Mein Fazit:

eine ungewöhnliche, aufwühlende und literarisch überzeugende Geschichte, die aus jeder Erzählperspektive unglaublich echt wirkt. Ganz große Leseempfehlung.

Mein Buch ist ein Rezensionsexemplar. Ich danke dem Verlag für die freundliche Bereitstellung.

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