Das Leben, von außen betrachtet.

Ich war Paul. Paul, der sich jeden Morgen in eine Werbeagentur schleppt, obwohl er lieber Kunst machen will, für die er aber keine Zeit hat, weil er sich die meiste Zeit in eine Werbeagentur schleppt. Eigentlich will Paul Bildhauer sein, aber wie alle, die wirklich gut in etwas sind, das sie verabscheuen, findet Paul den Absprung erst mal nicht. Und deshalb verbringt der Künstler Paul sein Leben als Nebenfigur von Werber Paul. So auch in dem Roman, in dem es klar um Antoine geht und ab und zu auch mal um Paul. 

ANTOINE EXLEX, also Antoine gesetzlos oder vogelfrei, ist ein sprachlich ungeschliffener, teils fast patziger Roman über die Frage, ob ein Leben im Rahmen gesellschaftlicher Normen erstrebenswert ist.

Oder ist so ein Leben eher so richtig daneben, weil man unweigerlich zur Nebenfigur in seinem eigenen, kleinen Leben wird? Familie, Schule, Uni, Beziehung, Job, Erfolg, Karriereleiter. Alles so gar nichts für Antoine, der sich dem Vorhersehbaren grundsätzlich verweigert, das sich Karriere, Leben, Liebe oder wie auch immer nennt. 

Im Gegensatz zu Paul hat Antoine keine Probleme damit, aus einem Hamsterrad auszubrechen, da er noch nie so richtig drin war. Verpflichtungen, Verbindlichkeiten, Beziehungen und der andere klebrige Kram, der uns alle zusammenhält, sind nichts für den Endzwanziger, der drogenvernebelt über den Dingen schwebt und sich grundsätzlich auf nichts so richtig einlässt. 

„Mir passiert nichts. Mein Leben ist so leer, dass ich nicht mal Schicksal habe. Krass.“

Antoine exlex, seite 173

Die einzige Dauerschleife in Antoines Leben ist das Aufbegehren gegen den eigenen Vater, der in meiner Phantasie irgendwo zwischen gealtertem Frauenheld und interessantem Intellektuellen rangiert, zu kumpelhaft für einen echten Aufreißer, zu klug für einen Hippie und eindeutig zu wenig interessiert für einen Vater. Antoine liegt ihm nicht sonderlich am Herzen, daher absichtlich auf der Tasche und ansonsten viel im Bett. 

Bis Lea kommt und Antoine sich fast an sie gewöhnt.

Die Schwester vom Antoines Ex ist viel zu ernsthaft, um als lockere Geschichte durchzugehen, man kann sie schlichtweg nicht als nichtig abtun, so wie sonst alles. Die beiden verbringen Zeit miteinander, die aber immer auf der Kippe steht zwischen Paar und Trennung, und so muss Antoine sich irgendwann entscheiden, auf welcher Seite er herunterfallen will. Denn ein Weg ohne Ankommen ist auf Dauer nicht möglich, auch nicht mit Anlauf. 

„Was der Mensch liebt oder hasst, bestimmt sein Verhalten. Er kann nicht selbst darüber entscheiden, was er liebt oder hasst. Sein persönliches System von Liebe und Hass regiert alles mit …“

AntoIne e exlex, Seite 100

ANTOINE EXLEX ist für mich eines dieser Bücher, die mir beim Lesen oft ungeschliffen vorkamen, um mich Tage nach dem Beenden zum Nachdenken zu bewegen. Denn auch, wenn wir alle vielleicht unsere Antoine-Momente haben, wäre es doch sehr anstrengend, jede Sekunde so verdammt frei zu sein. Folglich klappt ein 100%iges exlex-Leben noch nicht mal in der Theorie von Antoines privatem Philosophie-Zirkel. Und ich stelle fest, dass ich auch ganz gerne Paul war, nur nicht immer und ausschließlich.

Antoine exlex, Angelina Roth

Und so bin ich ein bisschen Paul und ein bisschen Antoine. Mal aus Bock und mal wegen der Kohle. Vielleicht ohne die Gedichte, die im Roman jedes Kapitel einleiten, aber who cares. Hat am Ende alles Sinn gemacht.  

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Angelina Roth ist schweizerisch-deutsche Doppelbürgerin und lebt & schreibt in Basel. Wenn du gerne Romane mit Hauptfiguren in der Sinnkrise liest, dann ist DINGS ODER MORGEN ZERFALLEN WIR ZU STAUB bestimmt auch was für dich.

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Mein Buch ist ein Rezensionsexemplar. Ich danke dem Verlag für die freundliche Bereitstellung.


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