Ich spinne. Landleben mit neuen Mitbewohnern.

Seit wir aufs Land gezogen sind, hängen viele neue Freunde bei uns rum, und die meisten haben mehr Beine als wir. Zugegeben, die ersten fünfundzwanzig waren noch ein echtes Highlight: Iiiiiiihhhhhhh Spinne, Staubsauger hochholen, Spinne einsaugen, überlegen, ob und wie lange Spinnen in Staubsaugerbeuteln überlebensfähig sind, Staubsauger in den Garten stellen (falls doch), in den anderen Ecken nachsehen etc. Nach der fünfzigsten Spinne stellt sich eine gewisse Resignation ein. Was soll’s. Sie waren zuerst hier. Schätzungsweise 399 Millionen Jahre vor dir.

Du entscheidest dich also für eine friedliche Koexistenz. Auch weil du schlichtweg zu faul bist, immer der Stadt-Arsch mit dem Staubsauger zu sein.

Und wie bei allen Kreaturen, die über längere Zeit in deinem Schlafzimmer aus- und eingehen, suchst du irgendwann nach Gemeinsamkeiten – schon allein um die gemeinsame Wachzeit zu überbrücken. Zunächst tust du das, was moderne Menschen beim Kennlernen eben so tun: Du googelst den anderen heimlich, schließlich willst du ja wissen, wo der sonst so rumhängt, wenn nicht gerade bei dir. Dann nimmst du erstmal aus sicherer Entfernung Blickkontakt auf. Ich gucke sie an, sie guckt mich an. Ich habe links minus 1,5 und rechts minus 2. Sie hat Haupt- und Nebenaugen, insgesamt 8 Stück in zwei Reihen angeordnet.

Nach dem Googeln bist du schlauer und weißt zum Beispiel, dass es auf der Welt ca. 40.000 entdeckte Spinnenarten gibt – und ca. 35.000 unentdeckte.

Ein Großteil davon ist bisher unentdeckt geblieben, weil er in unserem Gartenhäuschen lebt. Während ich mehr schlecht als recht versuche, in direkter Gartenhausnähe ein Blumengitter festzukloppen, verwendet die gemeine Gartenkreuzspinne neben mir beim Netzbau mindestens sieben verschiedene Fadensorten. Natürlich sind alle zehnmal besser, stabiler und flexibler als alles, was der Mensch jemals erschaffen hat – mein Blumengitter inklusive. Klar, wenn ich was bauen will, fahr‘ ich erstmal zum Baumarkt und dann mal sehen. Wenn die Spinne was bauen will, wird sie geboren, und dann sitzt das. Mir fallen auf Anhieb einige meiner Freunde ein, die sich zumindest in diesem Punkt schon seit Jahren für eine 1A Spinne halten.

Es gibt Hausspinnen, Kreuzspinnen, Falltürspinnen, Raubspinnen, Röhrenspinnen, Glattbauchspinnen, Kugelspinnen, Wolfsspinnen, Springspinnen, Kammspinnen und Weberknechte, in rund, flach, haarig, mit Kreuzen, Streifen, Stacheln, Hörnern oder Warzen.

Kurz gesagt: Alle sind hässlich. Und alle haben einen Blinddarm wie du.

Spinnen sind keine Insekten, sie fressen sie nur. Tonnenweise. Ohne Spinnen würdest du spätestens in einem Jahr morgens über einen zehn bis zwanzig Zentimeter hohen Insektenteppich zur Arbeit gehen. Und: Ein paar Spinnenmännchen sind echte Romantiker. Es kommt nämlich vor, dass sie ihrem Weibchen beim ersten Date ein gelähmtes Beutetier schenken. Gemein, denke ich. Ich habe noch nie etwas bekommen, was in Seide eingewickelt war.

Spinnen sind übrigens Singles und treffen sich nur bei der Paarung, da kann ja heute auch keiner mehr was dagegen haben. Sie sterben jung oder werden auch mal für ihre Verhältnisse uralt. Man sagt, dass eine Falltürspinne in Australien 27 Jahre lang beobachtet wurde, bevor der letzte Vorhang fiel. Der Beobachter hat bestimmt stundenlang geheult und sie dann in einem Karton in seinem Garten beerdigt.

Inzwischen sind wir hier zu Hause so klippo miteinander, dass ich erst letztens im Wintergarten grüne Spinneneier so lange beobachtet habe, bis sie braun wurden und kleine dicke Spinnen herauskrabbelten. Ist aber eher ein langweiliges Unterfangen, weil man ihnen ja schlecht ein Schälchen Milch oder so hinstellen kann, was die Beziehungsarbeit irgendwie von Anfang an erschwert.

Zurück zu den Gemeinsamkeiten:

Spinnen vertragen keinen Kaffee, hat die NASA mal festgestellt, und auch Drogen sind nicht wirklich ihr Ding. Spinnen auf Speed entwickeln zum Beispiel einen gewissen Übereifer beim Netzbau, ein LSD-Trip lässt sie schon mal den Faden verlieren und bekiffte Spinnen haben nach einer Weile einfach keinen Bock mehr. Gut übrigens, dass die Weltraumforschung immer wieder Entdeckungen macht, auf die wir selbst so nie gekommen wären.

Würde jemand auf die mindestens genauso kranke Idee kommen, Spinnen als Lebensmittel einzusetzen, dann würde er feststellen, dass sie so ähnlich schmecken wie Kartoffelsalat. Wo wir gerade dabei sind: Eben hat mich meine Freundin angerufen und gefragt, ob sie zum Grillen am Samstag einen Salat mitbringen soll. Ist nicht nötig, hab‘ ich gesagt. Ich hab‘ schon alles hier.

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