Einkaufszettelpoesie #1: Elfriede und Hermann.

„Vergiss die Sahne nicht“ wollte Elfriede noch rufen, aber da war Hermann schon weg. Sie sah von ihrem Kreuzworträtsel auf, blickte aus dem Fenster und bemerkte, dass Hermann beim Bierholen wieder das Gartentor offengelassen hatte. Vom Tor blätterte die Farbe ab, wie von ihrer Ehe.

„Vierzig Jahre,“ dachte Elfriede und stand auf, um alles für die Blumenkohl-Mandelscheiben aus den Schränken zu holen – und das gute Besteck, das sie so liebte. Wenn die Mädchen zum Essen kamen, wollte sie fertig sein, schließlich mochte Hermann den ganzen Trubel sowieso nicht. Sie zog die Holzschublade ihrer Anrichte auf (sagte man das überhaupt bei den jungen Leuten noch so, Anrichte?) und strich zärtlich über eines der alten Messer, das mal silbern gewesen war. Damals, als es noch mit den anderen auf ihrer Aussteuerkiste lag, kurz nach der Hochzeit, bevor Hermann sie mit diesem völlig überkandidelten Cabrio abholen kam, lachend und winkend. Damals, als sie beide noch etwas hinter sich lassen konnten, als es nur in Richtung Zukunft ging. Damals, als Hermann noch überall im Dorf „der schöne Hermann“ gerufen wurde.  

Jetzt hatten Hermann und das gute Besteck längst Patina angesetzt. Überhaupt kam es ihr in letzter Zeit so vor, als hätte längst alles um sie herum Rost und Patina angesetzt. Wie die alte Eisenlampe, die ganz oben im Schuppen stand. Wie die Teekanne vor ihr, die schon seit den Siebzigern keinen passenden Deckel mehr hatte. „Ich kauf dir eine neue, Mama“, sagte Anja immer wieder. Und dann vergaß sie es, zwischen all den Kindergarten-Verpflichtungen und Projekten, die sie bei der Arbeit hatte. Zu Elfriedes Zeit hatte man keine Projekte, da hatte man Arbeit. Jedenfalls schickte Elfriede seitdem Hermann lieber nicht los nach einer neuen Kanne, weil sie sich sicher war, dass Anja dann an genau diesem Wochenende auch mit einer neuen Kanne vor der Türe stünde, und dann würde Anja wieder schmollen wie damals als Kind, nur nicht mehr so süß und sowieso viel zu schick für Elfriedes Küche.  

Rost und Patina. Sie fühlte es sogar zwischen ihren Gelenken, wenn sie morgens die Beine aus dem gemeinsamen Bett hob. Selbst ihre Geschichten setzen langsam Rost an, dachte Elfriede. Ständig erwischte sie sich dabei, dass sie immer wieder die gleiche erzählte, damals aus ihrer Kindheit, kurz nach dem Krieg, als die Oma noch Tauben vom Kölner Dom geschossen hatte. Dabei konnte sie sich noch nicht mal so richtig erinnern, wer auf wen oder was geschossen hatte, und wen kümmerte das heute schon, dass sie sowieso nicht viel gehabt hatten. Immerhin hatten sie auch keine Angst vorm Essen gehabt und ranzige Butter von fremden Broten abgekratzt. Ihre Töchter stellten sich heute schon an, wenn die Kinder mal kein Biohühnchen bekamen. Gut, dass ihr noch der weiße Pfeffer eingefallen war, sonst würde Anja wieder danach fragen, wenn sie sich wie immer in Elfriedes Samstagsessen einmischte. „Nicht so viel Sahne, Mama!“ würde sie sagen, und „Nimm doch lieber den weißen, der ist milder.“ Elfriede rollte innerlich die Augen hoch. Vom wem sie das wohl hatte? Von Hermann und ihr sicher nicht. Hermann musste sich ja inzwischen schon einen eigenen Einkaufszettel für sein Bier machen und nahm ihn jede Woche wieder mit, vom Reißbrett neben dem Kühlschrank.

Ob er schon wieder unterwegs nach Hause war? Vor ihrem inneren Auge sah sie den schönen Hermann, der jetzt der alte Hermann war, in Gedanken vertieft und schnellen Schrittes auf das Gartentörchen zugehen. Seine Schritte waren jung geblieben. Wie auch dieser geheime Teil von ihnen beiden, dachte Elfriede. Dieser Teil, der damals noch in allen Farben gefunkelt und vibriert hatte, in Hermanns blauen Cabrio, dieser Teil, den nur sie beide wahrnahmen, auch jetzt noch ganz leise, wenn sie abends auf dem Sofa saßen, er mit seinem Bier und seiner Zeitschrift, und sie mit der Fernbedienung des neuen Fernsehers in der Hand, auf den längst kein Deckchen mehr passte. Dieser Teil, der in feinen Linien ihre Geschichten und Gesichter durchzog, dieses leise Summen der gemeinsamen Jahre, das sie einhüllte wie eine dieser selbst gehäkelten Decken.

Draußen im Vorgarten quietschten die Scharniere. Elfriede legte den Kopf schief und lächelte, während sie nach den Möhren griff.

4 Comments

    1. Nina Goldhammer

      Der nächste Einkaufszettel wartet hier schon …:-)

  1. Vera

    Liebe Nina, toll geschrieben… ich liebe die Patina in den Gelenken. Wenn du noch mehr wissen willst, dann nur auf Anfrage. Mehr davon!

    1. Nina Goldhammer

      🙂 Schön, dass dir das gefällt. Ja, ich will mehr wissen!!!!

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